Frühmenschen: Zufallsfund auf Taiwan

Unterkiefer des Frühmenschen von Penghu (Y. Kaifu)

Als vor rund 120 Jahren auf Java der Schädel und Zahn eines Urmenschen gefunden wurden, sorgte dies für eine Sensation. Denn der Fund des "Java-Menschen" belegte, dass schon vor rund einer Million Jahren Vertreter des Homo erectus in Asien lebten. Jetzt haben Forscher erstmals auch vor der Küste von Taiwan ein Frühmenschenfossil entdeckt. Das 190.000 bis 450.000 Jahre alte Unterkiefer-Fragment unterscheidet sich deutlich von den bisher bekannten asiatischen Homo erectus-Funden. Es könnte sich nach Ansicht der Forscher daher um eine bisher unbekannte Variante eines Frühmenschen handeln.

Seit der Entdeckung des "Java-Menschen" durch Eugène Dubois im Jahr 1891 haben zahlreiche weitere Funde belegt, dass die Menschheitsgeschichte in Asien lange zurückreicht und ziemlich variantenreiche ist. Neben dem "klassischen" Homo erectus, wie er auf Java und im Norden Chinas lebte, gab es auch wenig später Formen eines archaischen Homo sapiens in China und Indien. Auch die Entdeckung des rätselhaften "Denisova"-Menschen im Süden Sibiriens und des seltsam kleinen "Hobbit-Menschen" auf der indonesischen Insel Flores zeigen, wie komplex und zum Teil noch immer unverstanden die Evolution des frühen Menschen auf diesem Kontinent ist. "Hinzu kommt, dass man in weiten Teilen Ostasiens noch gar nicht nach fossilen Belegen für eine menschliche Besiedelung gesucht hat", erklären Chun-Hsiang Chang vom National Museum of Natural Science im taiwanesischen Taichung und seine Kollegen.

Kieferknochen im Fischernetz

Eine der Lücken hat jetzt ein echter Zufallsfund geschlossen: Rund 25 Kilometer vor der Westküste Taiwans förderte ein Fischernetz mehrere fossile Tierknochen und den halben Unterkiefer eines Frühmenschen zutage. Diese Relikte lagen zuvor auf dem Meeresboden in 60 bis 120 Metern Tiefe, wie die Forscher berichten. Die Fossilien stammen wahrscheinlich aus einer Zeit, als die Meeresregion zwischen den Penghu-Inseln und der Küste trocken war und zum Festland gehörte – was in der Zeit vor rund 750.000 bis 120.000 Jahren häufiger der Fall war. Wie alt diese Funde allerdings genau sind, lässt sich nur schwer ermitteln, weil die Knochen nicht mehr einer Sedimentschicht zugeordnet werden können. Datierungen anhand der Element-Zusammensetzung der Knochen deuten aber darauf hin, dass die Funde nicht älter als 450.000 Jahre sind und nicht jünger als 190.000, wie Chang und seine Kollegen berichten.

Die nähere Untersuchung des menschlichen Kiefers erbrachte einige Überraschungen. Vom Alter her müssten die Kieferknochen und Zähne eigentlich denen anderer Funde des Homo erectus in China und auf Java ähneln. Doch der flache, gedrungene Unterkiefer gleicht eher denen afrikanischer und europäischer Frühmenschen als seinen asiatischen Zeitgenossen. "Am auffallendsten sind die großen Zähne und der dicke, gedrungene Kieferknochen", berichten Chang und seine Kollegen. Diese eher archaischen Merkmale seien für einen asiatischen Vertreter des Homo erectus aus dieser Zeit sehr ungewöhnlich, denn dieser habe damals bereits sehr viel zierlichere Kiefer und Zähne besessen.

Unklar ist bisher auch, von welcher Art von Frühmensch der Fund von Penghu stammt. Denn die ungewöhnliche Merkmals-Kombination und die Tatsache, dass bisher nur eine Hälfte eines Unterkiefers gefunden wurde, macht eine klare Zuordnung unmöglich, sagen die Forscher. Ihrer Ansicht nach könnte der neue Fund aber sogar zu einer bisher unbekannten Variante von Frühmenschen gehören. Diese könnten sich unabhängig von den auf Java lebenden Homo erectus-Vertretern entwickelt haben. Möglich wäre aber auch, dass der Penghu-Mensch von einer Linie robuster Frühmenschen abstammte, die erst vor rund 800.000 Jahren aus Afrika nach Asien einwanderten – nach der Erstbesiedelung Asiens durch den Homo erectus.

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