Ursprache aus der Steppe

Das Erbgut dieses jungsteinzeitlichen Skeletts half bei der Rekonstruktion der europäischen Wanderungsbewegungen (LDA Sachsen-Anhalt)

Fast drei Milliarden Menschen sprechen heute eine der 445 indoeuropäischen Sprachen – dazu gehören auch wir Deutschen. Wo aber die Urversion dieser Sprachfamilie einst entstand, ist bisher umstritten. Jetzt liefert das Erbgut von 69 Vertretern früher Europäer neue Hinweise. Demnach begann vor rund 4.500 Jahren eine massive Einwanderungswelle von Menschen aus den Steppengebieten Zentralasiens nach Mitteleuropa. Die Forscher halten es daher für sehr wahrscheinlich, dass sich mit den Steppenbewohnern auch ihre Sprache in Europa etablierte – der Vorläufer des Indoeuropäischen.

Wo die Urversion der indoeuropäischen Sprachfamilie entstanden ist, darüber wird unter Forschern heiß diskutiert. Zwei rivalisierende Theorien stehen sich dabei gegenüber. Nach der einen ist Anatolien die Wiege des Indoeuropäischen. Aus vergleichenden Sprachanalysen schlossen Forscher im Jahr 2012, dass diese Sprachfamilie bereits vor rund 8.000 Jahren unter den ersten steinzeitlichen Bauern dieser Region gesprochen worden sein könnte. Als sich dann die Landwirtschaft von dort aus über Europa und Asien verbreitete, etablierte sich mit der neuen Kulturtechnik auch die indoeuropäische Sprache. Dem steht die Theorie gegenüber, dass das Indoeuropäische erst rund 2.000 Jahre später in den zentralasiatischen Steppen entstand. Auch hierfür lieferten Forscher erst kürzlich Indizien aus der vergleichenden Sprachwissenschaft.

Zwei große Umwälzungen

Neue Informationen zum Sprachenstreit liefert nun die bisher umfangreichste genetische Studie zu den frühen Europäern am Umbruch von der Mittel- zur Jungsteinzeit. Wolfgang Haak von der University of Adelaide und seine Kollegen hatten dafür das Erbgut von 69 Europäer analysiert, die vor 3.000 bis 8.000 Jahren lebten. Zu diesen gehörten altsteinzeitliche Jäger und Sammler ebenso wie Vertreter der ersten Bauernkulturen und Menschen der frühen Bronzezeit. Auch das Erbgut des Eismenschen "Ötzi" und von Vertretern der nomadischen Steppenkultur der Jamnaja gingen in die Untersuchungen mit ein. Vergleiche mit der DNA von weiteren 25 steinzeitlichen Menschenfunden aus dem europäischen Raum rundeten die Analyse ab.

Die Auswertungen ergaben, dass es in der frühen Geschichte Europas mindestens zwei tiefgreifenden Umwälzungen gegeben hat. Die erste ereignete sich vor 7.000 bis 8.000 Jahren, als Bauern aus dem Nahen Osten nach Europa einwanderten. Vor allem im Gebiet des heutigen Deutschland, Ungarn und Spanien löst das Erbgut dieser bäuerlichen Einwanderer das der lokalen Jäger und Sammler größtenteils ab, wie die Forscher berichten. Weiter im Osten, vor allem in Russland, blieben dagegen die alten Jäger und Sammler-Kulturen dominant. Hier entwickelte sich in den folgenden rund 4.000 Jahren die Jamnaja-Kultur aus regionalen Stämmen und neuen Einwanderern aus dem Fernen Osten.

Brachten die Steppenbewohner ihre Sprache mit?

Diese Hirtenkultur sorgte vor rund 4.500 Jahren für die zweite große Umwälzung im frühen Europa, wie die DNA-Analysen belegen. Demnach gab es zu dieser Zeit eine massive Einwanderungswelle aus den Steppengebieten am Schwarzen Meer bis nach Mitteleuropa.
Diese zweite große Welle führte dazu, dass in einigen Gebieten Mitteleuropas das genetische Erbe der nahöstlichen Bauern und der altsteinzeitlichen Jäger und Sammler fast komplett verdrängt wurde. "In Deutschland sind es die Schnurkeramiker am Übergang zwischen Jungsteinzeit und Bronzezeit, bei welchen erstmals diese dritte Komponente auftaucht und damit einen zweiten Bevölkerungsumbruch markiert", sagt Haak. Sogar 75 Prozent des Erbguts dieser vor rund 2.800 Jahren in Deutschland verbreiteten Kultur stammten von Nachfahren der Jamnaja. Und auch heute noch tragen vor allem Nordeuropäer große Anteile der einstigen Steppenbewohner in ihrem Erbgut mit sich.

Diese neue Sicht auf die Wanderungsbewegungen der frühen Europäer lässt auch Rückschlüsse über ihre Sprache zu. "Die Ergebnisse legen nahe, dass die Schnurkeramiker nicht nur genetisch eng mit den Hirten aus der Steppe verwandt waren, sondern möglicherweise auch eine ähnliche Sprache hatten", sagt Koautor Iosif Lazaridis von der Harvard Medical School in Boston. Dies aber spricht eher gegen die Anatolien-Theorie und für die Steppentheorie, wie die Forscher betonen: "Unsere Daten liefern einen überzeugenden Beleg für einen Ursprung zumindest einiger indoeuropäischer Sprachen in der Steppe", konstatieren sie. Natürlich könne man an der DNA nicht direkt ablesen, welche Sprache ihr Träger einst gesprochen habe. Aber das Erbgut trage Hinweise auf Migrationsprozesse in sich, die für die Ausbreitung von Sprache eine wichtige Rolle spielen.

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