Als die Steppenreiter kamen

Typische Grabhügel der europäischen Bronzezeit (Kristian Kristiansen)

Vor rund 5.000 bis 3.000 Jahren ereigneten sich in Europa und Zentralasien tiefgreifende kulturelle Umstürze – es gab neue Keramiken, neue Bestattungsriten und Wirtschaftsweisen. Doch was sie auslöste, war bisher strittig. Auch woher die indoeuropäische Sprache einst kam, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Jetzt hat ein internationales Forscherteam mit Hilfe von Genanalysen historischer Skelette einen ganz neuen Einblick in diese Zeit gewonnen. Sie stießen dabei unter anderem auf eine Migrantenschwemme aus der Steppe und enthüllen Überraschendes über unsere Laktose-Toleranz.

"Mit unserer Studie wollten wir die großen wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen verstehen, die sich zu Beginn des dritten Jahrtausends vor Christus ereigneten und die vom Ural bis nach Skandinavien reichten", erklärt Studienleiter Kristian Kristiansen von der Universität Göteborg. Denn die Bronzezeit war eine Zeit des Umbruchs in Europa. "Damals wurden die alten neolithischen Bauernkulturen von neuen abgelöst, die eine völlig andere Sicht von Familie, Eigentum und Person hatten", so Kristiansen. In weiten Teilen Mitteleuropas breiteten sich die sogenannten Schnurkeramiker aus. Die Menschen dieser Kultur schufen charakteristische Tongefäße, züchteten Vieh und bestatteten ihre Toten zusammen mit Waffen und Trinkgefäßen in Grabhügeln.

Waren die Jamnaja schuld?

Dieser Wandel könnte nach Ansicht einiger Forscher mit einer damaligen Einwanderung der Jamnaja verbunden gewesen sein, einem aus Zentralasien und der Kaukasusregion stammenden Reiternomadenvolk. Archäologische Funde zeigen, dass Grabhügel dieser Kultur etwa um 3.000 vor Christus auch im unteren Donautal errichtet wurden. Die Jamnaja müssen demnach relativ weit nach Westen vorgedrungen sein. Genetische Studien heutiger Europäer lieferten erste Indizien dafür, dass sich die Jamnaja sogar bis weit nach Mitteleuropa hinein ausbreiteten und bis heute ihre Gene in den dortigen Populationen hinterließen. Nach Meinung einiger Linguisten spricht zudem einiges dafür, dass dieses Reitervolk aus der eurasischen Steppe sogar die Urform der Indoeuropäischen Sprache mitbrachte. Ob aber die Jamnaja tatsächlich die Urheber des Bronzezeit-Wandels in Europa waren und ob sie wirklich in Massen nach Westen einwanderten, blieb bisher umstritten. Um die Ereignisse in der Bronzezeit aufzuklären, haben Kristiansen und seine Kollegen nun in der DNA von Vertretern der damaligen Völker nach Spuren gesucht. In der bisher umfangreichsten Analyse historischen Erbguts sequenzierten sie die DNA von 101 Toten, die während der Bronzezeit in Europa und Zentralasien lebten.

Und tatsächlich: Die Genanalysen sprechen nach Angaben der Forscher dafür, dass viele Veränderungen in der europäischen Bronzezeit schlicht das Resultat massiver Einwanderung waren. So besaßen die mitteleuropäischen Schnurkeramiker auffallend viele genetische Gemeinsamkeiten mit den Jamnaja. Diese Kultur muss daher durch massive Einwanderung der Reiternomaden und deren Vermischung mit den dort ansässigen Bauern entstanden sein, wie Kristiansen und seine Kollegen erklären. Gleichzeitig erwies sich auch eine damals am Altai in Sibirien ansässige Kultur als eng verwandt mit den Jamnaja. "Die Migrationen der Jamnaja resultierten demnach in einem Genfluss über gewaltige Distanzen", sagen die Forscher. "Ihr Einfluss reichte vom Altai in Sibirien bis in das Skandinavien der frühen Bronzezeit." Das spreche dafür, dass auch die indoeuropäische Sprache ihren Ursprung in diesem Steppenvolk haben könnte.

Rätsel der Sintashta gelöst

Umgekehrt werfen die Analysen auch ein neues Licht auf die rätselhafte Kultur der Sintashta. Dieses Volk errichtete schon vor rund 4.000 Jahren am Ural große Städte und fertigte ungewöhnlich kunstvolle Waffen und Schmuckstücke an. Sie gelten zudem als die versiertesten Pferdezüchter ihrer Zeit. Die neuen Daten zeigen nun, dass die Sintashta nicht wie zuvor angenommen aus Zentralasien oder Ostasien stammten. Stattdessen gingen sie aus einer Vorgängerkultur am Ural hervor, die genetisch europäische Wurzeln hatte. Erst in der späten Bronzezeit und zu Beginn der Eisenzeit wanderten dann ostasiatische Völker nach Zentralasien ein und prägten die dort noch heute vertretene Population.

Und noch eine Überraschung förderten die Genvergleiche zutage: Sogar die Fähigkeit, Laktose zu verdauen, könnten wir den bronzezeitlichen Einwanderern verdanken. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Populationen produziert der Körper der meisten Europäer das Enzym Laktase, das dabei hilft, den Milchzucker zu zersetzen. "Bisher dachte man, dass sich diese Fähigkeit im Nahen Osten oder auf dem Balkan entwickelte und dann mit den ersten Bauern in der Jungsteinzeit nach Europa kam", sagt Koautor Martin Sikora von der Universität Kopenhagen. Doch in der DNA der jetzt untersuchten frühen Europäer taucht die entscheidende Mutation erst in der späten Bronzezeit auf. "Wir vermuten daher, dass dieses Gen erst mit den Jamnaja-Viehzüchtern nach Europa kam und sich dann langsam verbreitete", so Sikora.

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