Hellhörige Vorfahren

Credit: Rolf Quam

Neue Einblicke in das Hörvermögen menschlicher Ahnen: Wissenschaftler haben mithilfe versteinerter Ohrknochen die Anatomie des Hörsystems zweier Vormenschen rekonstruiert. Die Analyseergebnisse offenbaren, dass diese erstaunlich gut hohe Töne wahrnehmen konnten. Ihr Gehör war demnach nicht nur empfindlicher als das von Schimpansen, sondern auch als das moderner Menschen. Diese Fähigkeit erleichterte ihnen in der offenen Savanne vermutlich die Kommunikation über kurze Distanzen.

Wie könnten Australopithecus africanus und Paranthropus robustus die Welt um sich herum wahrgenommen haben? Der Beantwortung dieser Frage sind die Forscher um Rolf Quam von der Binghamton University im US-Bundesstaat New York mit ihrer Arbeit nun ein gutes Stück näher gekommen. Von den anatomischen Eigenschaften der Ohren hat das Team abgeleitet, wie die beiden vormenschlichen Arten gehört haben – damit geben die Wissenschaftler auch einen Einblick in die Evolution des menschlichen Gehörs. Denn A. africanus und P. robustus gehören zur Gruppe der sogenannten Homininen. Sie sind also enger mit dem modernen Menschen verwandt als mit den Schimpansen.

Für ihre Analyse haben Quam und seine Kollegen fossile Überreste von Teilen des Hörsystems der beiden Arten untersucht, die von den berühmten Fundstellen Sterkfontein und Swartkrans in Südafrika stammen. Mithilfe von Computertomographie und virtuellen Rekonstruktionen kreierten die Forscher ein Abbild der vormenschlichen Ohren. Ihre Ergebnisse haben sie nun im Fachmagazin Science Advances veröffentlicht.

Empfindliches Gehör

Die Ohren der Homininen verfügten demnach über menschenähnliche Züge, weisen aber auch noch deutlich primitive Merkmale auf. So ähnelt die Form von Hammer und Amboss den Knochen moderner Menschen. Menschenähnlich sind auch der etwas kürzere aber weitere Gehörgang sowie die kürzere Hörschnecke, während die Größe des Steigbügels eher primitiv ist. Insgesamt unterscheidet sich das Ohr beider Arten in bestimmten Eigenschaften seiner Anatomie sowohl von Schimpansen als auch von modernen Menschen. Diese strukturellen Abweichungen bedeuten laut den Forschern, dass A. africanus und P. robustus höhere Frequenzen besser wahrnehmen konnten. Im Vergleich zeigte ihr Gehör den Schätzungen zufolge insbesondere eine erhöhte Empfindlichkeit für Frequenzen zwischen 1,5 und drei Kilohertz.

Verständigung in offener Savanne

Geräusche aus der Umgebung optimal wahrzunehmen und zu lokalisieren sowie mit Artgenossen über Laute zu kommunizieren war damals wie heute für das Überleben von Arten von großer Bedeutung. Die Wissenschaftler gehen deshalb davon aus, dass die Spezialisierung auf hohe Frequenzen eine Anpassung an das Leben in der Savanne war. Baumlebende Primaten verständigen sich in der Regel über tiefere Frequenzen, die sich im dichten Regenwald über weite Distanzen ausbreiten und so die Gruppe zusammenhalten. In der offenen Savanne hingegen schwächen sich Töne über die Distanz schneller ab, eine Kommunikation über größere Strecken wird so schwieriger.

Deshalb ist es wahrscheinlich, dass die Homininen vor allem über kurze Strecken miteinander kommunizierten. „Dabei ist die Verwendung hoher Töne sinnvoll, weil diese sich besser von den tieffrequenten Hintergrundgeräuschen der Umgebung abheben." Ein ähnlicher Zusammenhang sei bereits für die Äthiopische Grünmeerkatze erkannt geworden, schreiben die Forscher. Auch diese Primatenart lebt unter anderem in Savannen, verständigt sich mit komplexen Signalen über kurze Reichweiten – und ihr Gehör zeigt eine erhöhte Empfindlichkeit für Frequenzen zwischen einem und acht Kilohertz.

Hinweise auf Sprache?

Ein ergänzender Erklärungsansatz: Möglicherweise hatten A. africanus und P. robustus bereits eine Form der Kommunikation entwickelt, die erste Merkmale menschlicher Sprache beinhaltete. So sind hochfrequente Konsonanten wie „t", „k", „f" und „s" den Wissenschaftlern zufolge typische Kennzeichen gesprochener Sprache. Der Gebrauch von Konsonanten ist zudem einer der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zwischen menschlicher Sprache und Formen tierischer Kommunikation.

Quam und sein Team mutmaßen, dass die Homininen bereits bestimmte hochfrequente Konsonanten artikuliert haben könnten, die wenig komplex und relativ leicht zu bilden sind. Das bleibt jedoch Spekulation, denn: „Wie genau die frühen Homininen miteinander kommunizierten, bleibt ein schwer lösbares Rätsel."

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