Wie man zu einem guten Ruf kommt

 Objekt der Begierde: Die Blätter des Bay-Baums Pimenta racemosa enthalten das wertvolle Öl, das die Dorfbewohner in Teamarbeit herausdestillieren. Bild: Tauʻolunga, Wikipedia (GNU-Lizenz)
Objekt der Begierde: Die Blätter des Bay-Baums Pimenta racemosa enthalten das wertvolle Öl, das die Dorfbewohner in Teamarbeit herausdestillieren. Bild: Tauʻolunga, Wikipedia (GNU-Lizenz)
Sie wollen gerne als besonders nett und hilfsbereit gelten? Da hätten wir einen Tipp für Sie: Wenn Sie anderen helfen, beglücken Sie so viele verschiedene Leute wie möglich. Denn damit lässt sich ein guter Ruf am besten festigen. Nur einigen wenigen unter die Arme zu greifen, selbst wenn man insgesamt eigentlich sogar mehr Gutes tut, ist dagegen weniger effektiv. Diese Erkenntnis haben wir drei US-Anthropologen zu verdanken. Sie stammt übrigens ausnahmsweise einmal nicht aus dem Labor oder aus einer Computersimulation – sie ist vielmehr das Ergebnis eines ungewöhnlichen Feldversuchs auf der Karibikinsel Dominica.
Insgesamt 20 Monate, verteilt auf zwei 10-Monats-Perioden, hielten sich Shane Macfarlan, Robert Quinlan und Mark Remiker an der Südostküste der zu den kleinen Antillen gehörenden Insel auf, in einem Dorf, das sie "Bwa Mawego" nennen. Es hat insgesamt 400 Einwohner, die von den ursprünglich dort beheimateten Insel-Kariben sowie von Europäern und Afrikanern abstammen. Das Dorf versorgt sich selbst durch den Anbau von Feldfrüchten sowie die Fischerei. Zusätzlich bringt der Verkauf von ätherischen Ölen, speziell dem sogenannten Bay-Öl, den Einwohnern Geld ein. Das Öl wird aus Bay-Bäumen, auch Westindischer Lorbeer genannt, gewonnen, indem die Blätter abgeerntet und das Öl in einem aufwendigen Verfahren herausdestilliert wird.

Alleine keine Chance

Genau diese Tätigkeit bildete die Basis für die Untersuchung der Anthropologen. Denn in Bwa Mawego ist die dafür notwendige Arbeit ungewöhnlich organisiert: Die Männer betreuen die Bäume in einer Art Pachtsystem. Jeder ist für ganz bestimmte Bäume verantwortlich und kann den Erlös aus seiner Ernte behalten. Allerdings gibt es ein Problem: Es ist unmöglich, die Destillation alleine zu bewerkstelligen. Trotzdem bitten die Bwa-Mawego-Männer nicht aktiv um Hilfe. Sie beginnen vielmehr alleine mit der Arbeit und warten darauf, dass andere hinzukommen, um ihnen unter die Arme zu greifen. Dafür gibt es eine klare Norm im Dorf, die auf das Gegenseitigkeitsprinzip setzt: Wenn man jemandem früher einmal geholfen hat, ist dieser später moralisch verpflichtet, einem ebenfalls zu helfen. Es ist aber auch möglich, jemanden gezielt zu unterstützen, wenn man in der Zukunft dessen Hilfe benötigt.

Die Anthropologen beobachteten während ihres Aufenthalts nun acht solcher Destillerien und erfassten, wer dabei wem wie oft half. Anschließend wählten sie willkürlich 53 der beteiligten Männer aus und fragten andere Dorfmitglieder, ob sie diese für eher hilfsbereit oder eher nicht so hilfsbereit hielten. Ziel dieser Erhebung war es, einige bisher unbeantwortete Fragen zum Thema guter Ruf zu klären: Ist der Leumund wirklich umso besser, je mehr man hilft? Ist es egal, wen man unterstützt beziehungsweise abweist? Und wie stabil ist so ein guter Ruf eigentlich?

Je mehr Leute profitieren, desto besser

Gleich bei der ersten Frage erlebten die Forscher eine Überraschung: Offenbar entscheidet nicht, wie viele guten Taten man vollbringt – sondern wie viele Menschen in deren Genuss kommen. Den besten Ruf im Dorf erwarben sich nämlich nicht die, die insgesamt am häufigsten halfen, sondern die, die der größten Anzahl unterschiedlicher Kollegen unter die Arme griffen. Das sei vermutlich auf die Struktur der typischen Kommunikationssysteme in sozialen Netzwerken wie einer Dorfgemeinschaft zurückzuführen, sagt das Team: Wenn mehr Leute gut über einen reden, multipliziert sich der gute Ruf nun mal schneller, als wenn einen immer die gleichen drei über den grünen Klee loben. Interessanterweise hatten zudem jüngere Männer im Schnitt einen besseren Leumund als Ältere. Offenbar startet man also nicht mit einem neutralen Ruf, wie bisher angenommen, sondern bekommt, zumindest in diesem Umfeld, einige Vorschusslorbeeren, interpretieren die Forscher diesen Befund.

Bei der zweiten Frage konnten die Anthropologen dagegen keine klare Antwort finden. Sie hatten dazu ursprünglich zwei Thesen:. Nach der ersten leidet der gute Ruf immer, wenn man es ablehnt, jemand anderem zu helfen – gleichgültig wer es ist. Nach der zweiten hängt es dagegen durchaus davon ab, wen man ignoriert: Hat derjenige selbst nicht den besten Stand im Dorf, wird Nichthelfen verziehen. Brüskiert man jedoch einen sehr angesehenen Mitmenschen, schlägt sich das sofort negativ auf den eigenen Ruf nieder. Offenbar gilt jedoch keine der beiden Thesen uneingeschränkt, räumen die Forscher ein. Es scheint vielmehr ein Zwischending zu geben, bei dem noch andere Faktoren eine Rolle spielen – welche, soll in weiteren Studien untersucht werden.

Ein guter Ruf bleibt erst einmal

Schlussendlich war da noch die Frage, wie stabil der gute Ruf eines Mannes war. Dazu verglichen die Forscher die Werte aus der ersten 10-Monats-Periode mit der aus der zweiten. Ergebnis: Im Großen und Ganzen blieben die Werte erstaunlich konstant, selbst wenn die Betroffenen in der zweiten Periode nicht ganz so eifrig gewesen waren wie in der ersten. Allerdings müsse man einräumen, dass der Ruf eines Menschen in der Gemeinschaft natürlich nicht nur von seinem Verhalten beim Destillieren abhängt, geben die Forscher zu. Es gibt ja auch noch andere Interaktionen mit den anderen Dorfbewohnern, etwa in der Freizeit oder über die Familie. Um die Dynamik wirklich verstehen zu können, sollten diese Faktoren in künftigen Studien ebenfalls berücksichtigt werden.
Shane Macfarlan (University of Missouri) et al.: Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1038/rspb.2013.0557

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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