Die Gras-Diät

 Papyrusstaude. Credit: Liné1, Wikipedia
Papyrusstaude. Credit: Liné1, Wikipedia
Der Echte Papyrus, eine Pflanze aus der Familie der Sauergrasgewächse, ist vor allem als Zierpflanze bekannt. Doch vor mehr als drei Millionen Jahren war die Papyrusstaude wahrscheinlich ein Leckerbissen ? für Vormenschen der Art Australopithecus bahrelghazali. Das belegt eine Zahnschmelz-Analyse von Julia Lee-Thorp und Kollegen. Demnach ernährten sich die im Tschad beheimateten Australopithecus-Vertreter nicht wie die meisten anderen Primaten von Obst und Nüssen. Stattdessen müssen Gräser und Binsen den größten Teil ihrer Ernährung ausgemacht haben.
Von der Art A. bahrelghazali sind nur wenige Überreste bekannt. Sie wurden 1995 in Koro Toro im Tschad-Becken gefunden. Die Vormenschen lebten vor etwa 3,5 Millionen Jahren mitten in der heutigen Sahara. Wie Lee-Thorp und ihre Kollegen schreiben, war die Gegend damals eine fruchtbare Savanne, in der sich Elefanten und ihre urzeitlichen Verwandten, die Stegodonten, Giraffen, Antilopen, Springböcke, Urpferde, Rinder und Wasserböcke tummelten. Wahrscheinlich gab es an den Zuflüssen des damals wesentlich größeren Tschad-Sees auch Feuchtgebiete, an deren Rändern Papyrusstauden und andere Sauergräser wuchsen.

Damit unterschied sich die Umwelt von A. bahrelghazali deutlich von der des 2.500 Kilometer weiter östlich beheimateten Australopithecus afarensis. Zu diesen Vormenschen gehörte dei berühmte ?Lucy?. A. afarensis lebte an den bewaldeten Hängen des Rift-Valleys und verzehrte vermutlich noch die typische Primaten-Kost aus Obst und Nüssen. Dass A. bahrelghazali eine andere Diät bevorzugte, schließen die Forscher aus dem Verhältnis verschiedener Kohlenstoff-Isotope im Zahnschmelz. Sie berichten, dass Gräser fast 80 Prozent der Nahrung der Vormenschen ausmachten.

Mit Kühen oder Antilopen war die Ernährungsweise des Savannen-Australopithecus dennoch nicht zu vergleichen. Affen und Menschen sind nicht in der Lage, die harten Zellwände von Grashalmen zu verdauen. Die Forscher vermuten, dass die Vormenschen vor allem Wurzeln, Knollen und vielleicht auch Samen der Gräser aßen. Lee-Thorp und Kollegen können nicht unterscheiden, ob die Hominiden die Gräser selbst verzehrten oder Tiere wie Termiten, Nagetiere oder große Pflanzenfresser verspeisten, die sich wiederum von Gras ernährt hatten.

Gegen einen hohen Anteil von Fleisch an der Ernährung spricht allerdings die Form der Zähne. Lee-Thorp und Kollegen schließen daher, dass die menschlichen Vorfahren bereits vor 3,5 Millionen Jahren so flexibel waren, dass sie unterschiedliche Nahrungsquellen nutzen konnten. Das verlieh ihnen die Möglichkeit, neue Lebensräume zu erobern.
Julia Lee-Thorp (Oxford University) et al.: Proceedings of the National Academy of Sciences, Online-Vorabausgabe, doi:10.1073/pnas.1204209109

wissenschaft.de - Ute Kehse


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