Lucy konnte klettern

 Ansicht auf Selams Skelett. Sichtbar sind der Schädel, die Wirbelsäule mit einigen Rippen sowie das vollständig erhaltene rechte und das teilweise erhaltene linke Schulterblatt. (c) Zeray Alemseged/Dikika Research Project
Ansicht auf Selams Skelett. Sichtbar sind der Schädel, die Wirbelsäule mit einigen Rippen sowie das vollständig erhaltene rechte und das teilweise erhaltene linke Schulterblatt. (c) Zeray Alemseged/Dikika Research Project
Die Vormenschenart Australopithecus afarensis ging vor mehr als drei Millionen Jahren zwar schon aufrecht auf zwei Beinen, verbrachte aber dennoch viel Zeit kletternd in den Bäumen. Das zeigt das erste vollständig erhaltene Schulterblatt der Art, das die Anthropologen David Green und Zeresenay Alemseged jetzt untersuchten. Das Gelenk gleiche eher dem von Affen als von Menschen, berichten die beiden.
Die Frage, ob die Gattung Australopithecus sich vor allem auf zwei Beinen fortbewegte oder ob sie gleichzeitig auch in den Baumwipfeln zu Hause war, wurde unter Anthropologen jahrzehntelang heiß diskutiert. ?Diese bemerkenswerten Fossilien liefern nun einen starken Beleg dafür, dass die Vormenschen in diesem Stadium der menschlichen Evolution immer noch kletterten?, zieht David Green nun ein klares Fazit.

Lucy hat keine Schulterblätter

Zu den bekanntesten Vertretern der Art Australopithecus afarensis zählt Lucy, ein 1974 in Äthiopien gefundenes, teilweise erhaltenes Skelett einer etwa 25 Jahre alten Frau. Von Lucys Schulterblatt liegen allerdings nur einige Splitter vor, weshalb die Frage nach der Funktion der Vorderextremitäten umstritten blieb. Green und Alemseged konnten jetzt das Schultergelenk eines dreijährigen Australopithecus-Mädchens untersuchen, das unter dem Namen Selam bekannt ist.

Der äthiopische Anthropologe Alemseged hatte das Skelett im Jahr 2000 in seiner Heimat entdeckt. Die Knochen waren allerdings von Sandstein umgeben, der in mühsamer Kleinarbeit entfernt werden musste. ?Da Schulterblätter dünn wie Papier sind, versteinern sie nur selten?, sagt Alemseged. ?Wenn man sie findet, dann fast immer nur als Bruchstücke.? Umso mehr freuten sich die beiden Forscher, diesmal ein intaktes Schulterblatt bergen zu können.

Kopfüber greifen statt mit hängenden Armen dahertrotten

Die Form des Gelenks zeigt den Forschern zufolge eindeutig, dass Australopithecus noch ein aktiver Kletterer war. Bei Menschen verändert sich die Anatomie des Schulterblattes im Laufe des Lebens, doch bei den Vormenschen blieb die Form bei Kindern und Erwachsenen gleich, wie die von Lucy und anderen erwachsenen Australopithecus-Skeletten erhaltenen Splitter belegen. Das deutet darauf hin, dass die Ähnlichkeit zu den Schulterknochen von Affen kein Relikt war. Das Schultergelenk hatte nach wie vor die Funktion, Über-Kopf-Bewegungen zu ermöglichen, wie sie beim Klettern nötig sind.

1,5 Millionen Jahre nach Lucy und Selam hatte das Schulterblatt dann eine grundlegende Transformation durchgemacht. Die Art Homo erectus, die vor 1,8 Millionen Jahren in Ostafrika lebte, besaß bereits ein typisch menschliches Schultergelenk. ?Diese Umgestaltung war vermutlich Teil der Geburt unserer eigenen Gattung Homo?, schreibt die Anthropologin Susan Larson von der Stony Brook University im US-Staat New York in einem Kommentar zur Studie. ?Das deutet darauf hin, dass die Frühmenschen immer mehr von Werkzeugen und Kultur abhängig wurden, um überleben zu können.?
David Green (Midwestern University, Illinois) und Zeresenay Alemseged (California Academy of Sciences): Science, Bd. 338, S. 514, doi: 10.1126/science.1227123

© wissenschaft.de - Ute Kehse


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