Frühmenschliche Puzzleteile

 Rekonstruktion des Schädels aus der Kombination der Funde. © Photo by Fred Spoor
Rekonstruktion des Schädels aus der Kombination der Funde. © Photo by Fred Spoor
Vor rund zwei Millionen Jahren existierten in Ostafrika zwei weitere Arten der Gattung Homo zeitgleich mit Homo erectus, der als direkter Vorfahre des modernen Menschen gilt. Das bestätigen nun neue Fossilienfunde aus Kenia. Es handelt sich um einen Gesichtsknochen, einen vollständigen Unterkiefer und einen Teil eines zweiten Unterkiefers. Sie zeigen die gleichen charakteristischen Eigenschaften wie ein früherer Hominiden-Fund, dessen Zuordnung zu einer eigenen Spezies bisher umstritten war. Diese Debatte sei nun beendet, sagen die Forscher um Meave and Louise Leakey vom Turkana Basin Institute in Nairobi.
Lange Zeit galt Homo erectus als der einzige urtümliche Vertreter der Gattung Homo. Dieser Frühmensch hat sich vor etwa zwei Millionen Jahren entwickelt und besiedelte Teile Afrikas, Asiens und Europas. Doch dann fanden Forscher in Ostafrika Fossilien, die ein ähnliches Alter besaßen, aber sich in ihren anatomischen Eigenschaften von den bekannten H. erectus Fossilien unterschieden. Diese parallel existierende Menschenform wurde Homo habilis genannt.

Bereits 1972 wurde außerdem ein weiteres rätselhaftes Fossil nahe des Turkana-Sees in Kenia entdeckt. Es trägt die Bezeichnung KNM-ER 1470, kurz ?1470". Es handelte sich um einen zahnlosen Schädel ohne Unterkiefer, der sich durch seine ungewöhnliche Morphologie von allen anderen Hominiden-Funden zu unterscheiden schien: Er besaß ein flaches Gesicht und ein vergleichsweise großes Gehirnvolumen. Dies löste eine langjährige Debatte unter Anthropologen aus: Einige sahen in der ungewöhnlichen Morphologie nur geschlechtsspezifische Unterschiede oder einen natürlichen Grad der Variation innerhalb einer Spezies. Andere ordneten den Schädel dagegen einer eigenen Art zu, die sie Homo rudolfensis nannten. Weil allerdings Vergleichsfunde fehlten, stand die Existenz von H. rudolfensis weiter auf wackeligen Füßen.

Die Züge einer eigenen Art

"in den letzten 40 Jahren haben wir nach Fossilien in den Sedimenten um den Turkana-See gesucht, die die einzigartigen Merkmale von 1470 bestätigen und uns zeigen, wie die Zähne und der Unterkiefer ausgesehen haben", sagt Meave Leakey. ?Nun waren wir endlich erfolgreich." Der neue Gesichtsknochen wurde bereits im Jahr 2008 entdeckt. Jetzt dokumentierten die Untersuchungen, dass er charakteristische Ähnlichkeiten mit dem Fund 1470 aufweist.

Der Gesichtsknochen besitzt darüber hinaus einen besonders gut erhaltenen Oberkiefer, der noch fast alle Backenzähne an Ort und Stelle besitzt. Dazu passten wiederum die beiden weiteren neuen Puzzleteile perfekt: Die zwei Unterkiefer-Fossilien gehören ebenfalls zu dieser Hominiden-Form, sagen die Forscher. Die drei Fossilien wurden auf ein Alter von 1,78 bis 1,95 Millionen Jahre datiert. ?Unterm Strich scheint nun also klar, dass zwei Arten früher Vertreter der Gattung Homo zeitgleich mit Homo erectus auf der Erde existierten?, resümiert Co-Autor Fred Spoor vom vom Max-Planck-Institut in Leipzig. Die Forscher halten sich bisher mit Namenszuweisungen aber noch dezent zurück. Sie wollen erst klären, ob es bei der Bezeichnung Homo rudolfensis für die nun abgegrenzte Hominiden-Form bleibt.
Meave and Louise Leakey (Turkana Basin Institute in Nairobi) et al.: Nature, doi:10.1038/nature11322

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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