Urzeitliche Naturheilkunde

 Fossile Zähne von Neandertalern aus der El Sidrón Cave. Credit: CSIC Comunicación
Fossile Zähne von Neandertalern aus der El Sidrón Cave. Credit: CSIC Comunicación
Neandertaler kannten vermutlich bereits das Prinzip von Heilkräutern: Sie scheinen bestimmte Pflanzen aus medizinischen Gründen verzehrt zu haben, schließt ein internationales Forscherteam aus den Analyseergebnissen pflanzlicher Reste im Zahnstein fossiler Zähne. Die Untersuchungen bestätigen außerdem frühere Ergebnisse, wonach pflanzlicher Kost, die teils auch durch Kochen zubereitet wurde, eine große Bedeutung im Speiseplan der Urmenschen zukam.
Bis heute ist unklar, warum die Neandertaler vor etwa 30.000 Jahren dem modernen Menschen zunehmend Platz machen mussten und schließlich ausstarben. Einige Wissenschaftler vermuteten, dass eine fast ausschließlich fleischliche Ernährung dem Frühmenschen zum Verhängnis wurde. Die Neandertaler wären demnach sehr vom Jagdglück abhängig gewesen, während der moderne Mensch durch zusätzliche vegetarische Kost und Kochtechniken in der Lage war, mehr Energie aufzunehmen. Doch frühere Untersuchungen fossiler Zähne von Neandertalern hatten diese These bereits in Frage gestellt. Nun belegen die aktuellen Untersuchungen erneut die große Bedeutung pflanzlicher Kost und tragen sogar ein weiteres Puzzlestück bei: Vermutlich war nicht Hunger das Motiv für die Nutzung bestimmter Pflanzen, sondern deren medizinische Wirkung.

Bitterstoffe weisen auf Heilkräuter hin

Die Forscher um Karen Hardy von der Universitat Autònoma in Barcelona hatten fossile Zähne von fünf Neandertalern untersucht, die einst am heutigen Fundort El Sidrón in Nordspanien lebten. Schon damals bildete sich an Zähnen Zahnstein, der durch Einlagerung von Mineralien in Zahnbelag entsteht. Zahlreiche Nahrungsbestandteile haben darin die Jahrtausende überdauert, wie die Analysen der Wissenschaftler zeigten. Sie offenbarten Stärkekörnchen aus einem breiten Spektrum pflanzlicher Kost, die teils Anzeichen der Einwirkung von Hitze durch Kochen aufweisen. Darüber hinaus fanden die Forscher aber auch Spuren spezieller Bitterstoffe, die für Pflanzen wie Kamille oder Schafgarbe typisch sind.

Den Forschern zufolge eignen sich diese Pflanzen nicht als Nahrungsmittel, denn sie sind energiearm und schmecken sehr bitter. Demnach gebe es nur eine plausible Erklärung für den Verzehr: Die Urmenschen ertrugen den bitteren Geschmack, weil sie die Wirkung dieser Kräuter nutzen wollten. Ein schlüssiges Verhalten, denn bis heute gelten Kamille und Schafgarbe als Heilkräuter, die desinfizierende beziehungsweise entzündungshemmende Wirkung besitzen. "Unsere Ergebnisse über den vielfältigen Verzehr von pflanzlichen Produkten legen nahe, dass die Neandertaler ein komplexes Wissen über die Nutzungsmöglichkeiten der Vegetation um sie herum besaßen ? das gilt sowohl für deren Nährwert als offenbar auch für Zwecke der Selbstmedikation?, resümiert Karen Hardy.
Karen Hardy (Universitat Autònoma in Barcelona) Naturwissenschaften, doi: 10.1007/s00114-012-0942-0

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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