Lucy hatte Nachbarn in den Bäumen

 Die acht Fußknochen des Fundes. Credit © The Cleveland Museum of Natural History. Photo courtesy: Yohannes Haile-Selassie
Die acht Fußknochen des Fundes. Credit © The Cleveland Museum of Natural History. Photo courtesy: Yohannes Haile-Selassie
Vor 3,4 Millionen Jahren lebten zwei Vertreter aus dem Stammbaum des Menschen in enger Nachbarschaft im heutigen Äthiopien, die jeweils eine eigene Art der Fortbewegung besaßen: Die einen liefen bereits auf zwei menschenähnlichen Füßen und lebten auf dem Boden, die anderen konnten zwar ebenfalls aufrecht gehen, bewegten sich aber noch vorwiegend durch die Baumkronen. Das schließen die Anthropologen um Yohannes Haile-Selassie von der University of Cleveland in Ohio aus Untersuchungen eines teilweise erhaltenen Fußskeletts einer bisher unbekannten Homininen-Form aus Ost-Afrika.
Der Fund aus der Region Afar in Äthiopien umfasst acht Knochen vom vorderen Teil des Fußes eines Wesens, das vor etwa 3,4 Millionen Jahren in einer bewaldeten Flusslandschaft lebte. Diese Informationen gehen aus Untersuchungen der Sedimentschicht hervor, in die das Fossil eingebettet war. Die Datierung überschneidet sich mit der zeitlichen Einordnung einer bereits gut bekannten Homininen-Form, dem Australopithecus afarensis. Prominenteste Vertreterin ist die 1974 ebenfalls in Äthiopien gefundene Lucy. Einige weitere Funde von A. afarensis wurden sehr nahe des Ortes des aktuellen Homininen-Fundes gemacht. Somit haben die beiden Vormenschenformen wahrscheinlich gleichzeitig denselben Lebensraum bewohnt und nur unterschiedliche Nischen besetzt, sagen die Wissenschaftler.

Untersuchungen von Fußknochen und Fußabdrücken von A. afarensis hatten gezeigt, dass sie bereits aufrecht auf zwei menschenähnlichen Füßen liefen. Den typisch menschlichen Fuß unterscheiden dabei drei Haupteigenschaften von dem der Menschenaffen: die Stellung der großen Zehe, die Wölbung des Fußes und die Eigenschaften der Gelenke. Bei unseren engsten noch lebenden Verwandten, den Schimpansen, ist der große Zeh von den übrigen abgespreizt, um im Geäst Greiffunktionen übernehmen zu können. Unsere große Zehe hat dagegen die gleiche Richtung wie die anderen und bietet damit Vorteile beim Bewegungsablauf des aufrechten Gangs. Das gilt ebenfalls für die Wölbung des Fußes: Sie gibt Trittfestigkeit, aber auch Flexibilität, um Stöße beim Laufen auf zwei Beinen abzufedern. Menschenaffen benötigen dies nicht und haben deshalb eine flache Fußanatomie. Die Gelenke zwischen Zehen und Fußknochen zeigen darüber hinaus, dass der Fuß bei der Fortbewegung nicht abrollt, wie es für den aufrechten Gang typisch ist.

?Auftritt? der besonderen Art

Die Analysen der acht fossilen Fußknochen zeigten nun charakteristische Unterschiede zu den menschenähnlichen Eigenschaften der Füße von A. afarensis. Sie gehörten demnach zu einem Wesen, das zwar schon an den aufrechten Gang auf dem Boden angepasst war, aber gleichzeitig die Fähigkeit zum Klettern beibehalten hatte. Die große Zehe war dazu abgespreizt, wie bei heutigen Menschenaffen, und die typische Wölbung des Fußes fehlte. Genaue Analysen der Gelenke zeigten allerdings, dass der Fuß bereits zusätzlich an eine abrollende Bewegung angepasst war, wie sie für den zweibeinigen Gang typisch ist. Dieses Merkmal dokumentiere, dass die Fossilien der Linie der Hominini zuzuordnen seien und nicht derjenigen der Menschenaffen, sagen die Forscher.

Ähnliche Eigenschaften der Fußanatomie waren schon von einem anderen Vertreter aus dem Stammbaum des Menschen bekannt: Ardipithecus ramidus. Die entsprechenden Funde sind allerdings etwa eine Million Jahre älter als die aktuell untersuchten Fossilien. Es war bisher unbekannt, dass Wesen mit derart archaischer Fußanatomie noch parallel zu den weiter entwickelten A. afarensis existierten. Die Forscher halten sich bisher allerdings noch mit einer Zuordnung des Fundes zu einer speziellen Art oder Gattung zurück. Dafür seien noch weitere Funde nötig, die zeigten, wie die Körper aussahen, die diese Füße einst trugen. Die Ergebnisse belegen aber durchaus, dass unterschiedliche Linien im Stammbaum des Menschen parallel und im gleichen Lebensraum existierten, sagen Yohannes Haile-Selassie und seine Kollegen.
Yohannes Haile-Selassie (University Cleveland,Ohio) et al.: Nature, doi:10.1038/nature10922

© wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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