Kinderreiche Pioniere

 Großfamilie der kanadischen Wellenfront: Das Ehepaar Bhérer mit ihren 14 Kindern und deren Nachkommen. Foto: Picture courtesy of the Bhérer Family
Großfamilie der kanadischen Wellenfront: Das Ehepaar Bhérer mit ihren 14 Kindern und deren Nachkommen. Foto: Picture courtesy of the Bhérer Family
Die ersten werden die fruchtbarsten sein: Mutige Pioniere, die auf der Suche nach Nahrung, Ressourcen und einem besseren Leben neue Gebiete erobern, bekommen mehr Kinder als diejenigen, die ihnen nachfolgen oder in bereits erschlossenen Gebieten bleiben. Und das ist noch nicht alles: Die Nachkommen der kinderreichen Erstbesiedler sorgen ihrerseits auch für zahlreiche Enkel, selbst wenn sie sich nicht selbst auf Neuland begeben. Auf diesen überraschenden Zusammenhang ist jetzt ein internationales Forscherteam bei der Auswertung alter Aufzeichnungen gestoßen.
Ab dem 16. Jahrhundert besiedelten unter anderem Franzosen das heutige Kanada rund um Québec. Dank sehr detaillierter Aufzeichnungen darüber gelang es den Forschern um Claudia Moreau von der Université de Montréal, Québec, die Siedlungs- und die damit verbundene Fortpflanzungsgeschichte der Region zu rekonstruieren. ?Die Kirchenregister der Region Charlevoix Saguenay Lac-Saint-Jean im Nordwesten der heutigen Hauptstadt Kanadas, Québec, enthalten die Daten von 88.000 Eheschließungen samt Datum und Ort sowie Geburtsdatum und Geburtsort der Beteiligten?, erklärt der Leiter der Studie, Laurent Excoffier. Anhand der Daten von 1686 bis 1960 konnte das Forscherteam die Stammbäume von über einer Million Menschen zurückverfolgen und somit auch ermitteln, wann ihre Ahnen wo gelebt haben.

Die Auswertung ergab, dass Familien, die sich in neu erschlossenen Gebieten niederließen, mehr Kinder bekamen. ?Diese Wellenfront liegt immer am Rand des bereits besiedelten Bereichs und verschiebt sich immer weiter in unbekannte Regionen", erläutert Laurent Excoffier. An der Wellenfront lebende Frauen bekamen laut dem Forscherteam im Durchschnitt 15 Prozent mehr Kinder (9,1) als Menschen, die erst nach der Gebietserschließung dort ansässig wurden oder im Zentrum des Siedlungsgebietes blieben (7,9 Kinder pro Frau).

Hinter der höheren Fruchtbarkeit steckt laut den Wissenschaftlern zum einen das jüngere Heiratsalter der Pioniers-Frauen. Im Schnitt vermählten sie sich ein Jahr früher und bekamen damit auch früher ihr erstes Kind. Die erste Überraschung: Sie bekamen das letzte Kind in höherem Alter als Geschlechtsgenossinnen, die ihr Leben in zentrumsnahen Siedlungen verbrachten. Die Frauen der Wellenfront bekamen also nicht nur mehr Kinder, sondern waren auch über einen längeren Zeitraum fruchtbar.

Die Ergebnisse hielten jedoch noch eine zweite Überraschung für Excoffiers Team bereit: Die Frauen vererbten die größere Fruchtbarkeit auch an ihre Kinder. So verheirateten sich ihre Nachkommen zu 20 Prozent häufiger und bekamen auch ihrerseits mehr Nachwuchs. ?Im Zentrum von Siedlungen herrscht ein gewisser Wettbewerb um die Ressourcen, der es Mitgliedern großer Familien versagt, Land zu bekommen und früh zu heiraten", sagt Excoffier. ?Da an der Peripherie mehr Land verfügbar ist, besteht weniger Wettbewerb und dies steht in direkter Beziehung zur Fruchtbarkeit der Frauen."
Claudia Moreau (Université de Montréal, Québec) et al.: Science, doi: 10.1126/science.1212880

wissenschaft.de ? Marion Martin


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