Auf der Schwelle zum Menschsein

 Karabo haben die Forscher den zwölfjährigen Jungen der Art Australopithecus sediba genannt, dessen Schädel sie mit Röntgenstrahlen durchleuchteten. In einer südafrikanischen Sprache bedeutet das
Karabo haben die Forscher den zwölfjährigen Jungen der Art Australopithecus sediba genannt, dessen Schädel sie mit Röntgenstrahlen durchleuchteten. In einer südafrikanischen Sprache bedeutet das "Antwort". (c) Lee Berger und die Universität von Witwatersrand
Vor knapp zwei Millionen Jahren lebten Hominiden im heutige Südafrika, die ein Gehirn von der Größe eines Schimpansen besaßen, kurze Beine, lange Arme, vorstehende Münder und die viel in den Bäumen kletterten. Doch gleichzeitig hatten diese Vormenschen der Art Australopithecus sediba geschickte Hände, mit denen sie Werkzeuge bearbeiten und präzise zugreifen konnten. Die Form ihres Gehirns, ihre Hüfte und Teile ihres Fußes glichen denen des modernen Menschen. Das berichtet ein internationales Forscherteam um Lee Berger in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Science. Die Forscher halten das einzigartige Mischwesen für einen möglichen Urahn des Menschen. ?Australopithecus sediba ist wahrscheinlich der beste Kandidat als Vorfahr der Gattung Homo, eher als frühere Funde wie der Homo habilis?, sagt der Teamleiter Lee Berger.
Das Team entdeckte 2008 mehrere fast vollständige Skelette der bis dahin unbekannten Vormenschenart in einer Höhle in der Nähe von Johannesburg. 2010 beschrieben sie zwei der Fossilien: das Skelett eines zwölfjährigen Jungen und das einer 30-jährigen Frau, im Wissenschaftsmagazin "Science". Aufgrund des typischen Körperbaus ordneten sie die neue Art der Gattung Australopithecus zu. Sie entdeckten aber schon damals große Ähnlichkeiten zur menschlichen Linie.

Nun untersuchten sie Hand, Fuß, Gehirn und Hüfte des südafrikanischen Vormenschen mit modernsten Methoden. ?Wir haben uns auf diese vier Schlüsselregionen der Anatomie konzentriert, weil sie für die menschliche Evolution eine entscheidende Rolle spielen?, erläuterte Berger am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Bei all diesen Körperteilen entdeckten sie die merkwürdige Mischung aus alten und neuen Merkmalen. Das Gehirn ist zwar selbst für Australopithecus-Verhältnisse eher klein, zeigt aber im Stirnbereich bereits eine für den Menschen typische Organisation. Die Hand kann präzise mit zwei Fingern greifen, gleichzeitig ist sie aber kräftig und gut geeignet für das Klettern in den Bäumen. Die Hüfte hat bereits eine typisch menschliche Form, obwohl Australopithecus-Frauen Babys mit kleinem Kopf zur Welt brachten.

Am merkwürdigsten sind allerdings die Füße. Hätten die Forscher die Knochen nicht beieinander gefunden, hätten sie vermutet, dass sie zu zwei unterschiedlichen Arten gehörten. ?Diese Kreatur ging ohne Zweifel aufrecht?, sagte Bernhard Zipfel von der Universität von Witwatersrand. ?Gleichzeitig war der Knöchel sehr mobil, fast wie bei Schimpansen. Diesen Typ Knöchel braucht man, um auf Bäume zu klettern.? Wie der Gang der Vormenschen aussah, können sich die Forscher daher nur schwer vorstellen.

Wie Australopithecus sediba genau in den menschlichen Stammbaum einzuordnen ist, bleibt weiterhin unklar. Allerdings lebte er genau zu dem Zeitpunkt, als sich der Übergang vom Vormenschen zum Menschen vollzog. Eine neue, präzise Datierung der fossilienhaltigen Kalkschichten ergab, dass die Australopithecus-Gruppe etwa 200.000 Jahre älter ist als zuerst angenommen. Sie stürzte vor 1,977 bis 1,98 Millionen Jahren in die Höhle und kommt damit als Vorfahr des Homo erectus in Frage, des ersten unumstrittenen Mitglieds der Gattung Mensch. Die ältesten Homo-erectus-Fossilien sind 1,9 Millionen Jahre alt - 80.000 Jahre jünger als der Vormensch aus Südafrika.
Lee Berger (Universität von Witwatersrand, Südafrika), Robyn Pickering (University of Melbourne, Australien), Kristian Carlson (Universität von Witwatersdand), Job Kibii (Universität von Witwatersrand), Tracy Kivell (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig), Bernhard Zipfel (Universität von Witwatersrand) et al.: Science Bd. 333, S. 1402, 1407, 1411, 1417, 1421

doi: 10.1126/science.1202703,
10.1126/science.1202625,
10.1126/science.1202521,
10.1126/science.1203922,
10.1126/science.1203697

wissenschaft.de - Ute Kehse


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