Früher Abgang von der Weltbühne

Homo sapiens hat seinen mutmaßlichen Vorfahren Homo erectus wohl nie persönlich getroffen: Neue Datierungen legen nahe, dass der moderne Mensch und sein Urahn nicht gleichzeitig existiert haben, wie bisher vermutet. Darauf deuten neue Analysen von Fossilien des Ur-Menschen aus Indonesien hin, die Forscher nun deutlich älter einstufen als in früheren Untersuchungen. Vermutlich verschwand Homo erectus demnach schon vor mindestens 550.000 Jahren und nicht erst vor 35.000. Somit kann er nicht mehr auf den modernen Menschen getroffen sein, der etwa vor 40.000 Jahren das heutige Indonesien besiedelte. Einem internationalen Anthropologenteam zufolge wirft dieses Ergebnis ein neues Licht auf die Rolle von Homo erectus im Rahmen der menschlichen Evolution.
Homo erectus gilt als ein direkter Vorfahre des Menschen. Er ähnelte uns in vielerlei Hinsicht, mit Ausnahme seines kleineren Gehirns und der Schädelform. Wissenschaftler vermuten, dass er vor etwa 1,8 Millionen Jahren als erster unserer Vorfahren aus Afrika auswanderte, um die Welt zu erobern. In Afrika und Asien verwischen sich seine Spuren vor rund 500.000 Jahren. Den bisherigen Datierungen zufolge glaubten Experten allerdings, dass Homo erectus noch vor 35.000 bis 50.000 Jahren um die Fundstätte Ngandong am Solo-Fluss in Indonesien herum existiert hat. Diese späten Exemplare von Homo erectus hätten demnach ihren Lebensraum mit den frühen Mitgliedern unserer eigenen Spezies geteilt, die Indonesien vor etwa 40.000 Jahren erreicht haben.

Die Vermutung der Co-Existenz spielt eine wichtige Rolle für die Modelle der Entstehung des modernen Menschen, sagen die Wissenschaftler. Eines dieser Modelle ist die sogenannte Out-of-Africa-Theorie, die besagt, dass Menschenformen aus Afrika die Welt in mehreren Schüben eroberten und ihre Vorgänger dabei schrittweise ersetzten. Das andere Model sieht die Evolution des Menschen als ein Resultat einer Mischung der Menschenformen in der gesamten Alten Welt, also in Afrika, Asien und Europa. Bisher galt die Co-Existenz von Homo erectus und Homo sapiens in Indonesien als ein Argument für das Out-of-Africa-Modell.

Die neuen Analysen der Funde von Ngandong legen nun allerdings nahe, dass Homo erectus schon vor mindestens 143.000 Jahren, wahrscheinlich aber schon vor mehr als 550.000 Jahren die Weltbühne verließ. Das Team nutzte drei unterschiedliche Datierungstechniken bei unterschiedlichen Proben der Funde und der umgebenden Sedimente der Fundstätte. Alle drei Methoden untersuchen den radioaktiven Zerfall bestimmter Bestandteile der Proben, um Rückschlüsse auf das Alter zu ermöglichen. Einer der Befunde ergab ein Alter von etwa 550.000 Jahren, ein anderer kam auf 143.000 Jahre. Die Ursache für diese große Differenz ist vermutlich auf die Durchmischung der Sedimente an der Fundstätte zurückzuführen, sagen die Wissenschaftler. Aber selbst die jüngste Datierung liegt noch weit vor der Ankunft der ersten modernen Menschen. "Somit fand das Treffen der beiden Menschenformen vermutlich niemals statt?, resümiert Studienleiterin Etty Indriati von der Gadjah Mada University in Indonesien.
Etty Indriati et al.: ?PLoS One?, 28. Juni 2011

wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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