Jungsteinzeit: Unterschätzte Mittelmeerroute

Einwanderer aus dem Nahen Osten brachten in der Jungsteinzeit Ackerbau und Viehzucht nach Europa (?Neolithische Revolution?). Der Haupt-Einwanderweg für die landwirtschaftlichen Pioniere und ihr Vieh war das Donautal ? die frühesten Bauern hierzulande gelangten aus der ungarischen Tiefebene ins heutige Deutschland. Anders ist das anscheinend im südlichen Teil unseres Kontinents abgelaufen: Die Bauern und Hirten, die die neue Wirtschaftsform nach Südeuropa brachten, sind hauptsächlich auf der Mittelmeerroute eingewandert ? zumindest die Männer. Das entdeckte eine Arbeitsgruppe um die Paläogenetikerin Marie Lacan durch DNA-Analysen an 5000 Jahre alten Skeletten aus der Grotte des Treilles in Südfrankreich.
Um 3000 v.Chr. nutzten Menschen die Treilles-Höhle im Kalkplateau der Grands Causses ? etwa 100 Kilometer östlich von Toulouse ? als Begräbnisplatz. Sie waren Schaf- und Ziegenhirten und bauten Gerste und Weizen an. Ihre Skelette zeigen: Schädel und Nasen sind auffällig lang und schmal, die Männer maßen im Mittel 1,63 Meter, die Frauen 1,50 Meter. Was die Wissenschaftler um Marie Lacan besonders begeistert: Die Knochen waren durch das gleichbleibend kühle Mikroklima der Höhle sehr gut erhalten. Von den 53 bestatteten Individuen enthielten 29 verwertbare Spuren der Erbsubstanz DNA. Die französischen Paläogenetiker analysierten die Verwandtschaftsbeziehungen sowie die Zugehörigkeit zu bestimmten genetischen Linien (?Haplotypen?), die Hinweise auf die geographische Herkunft geben können.

Bei 24 Individuen war eine Geschlechtsbestimmung möglich ? 22 davon waren männlich, 2 weiblich. Unter den männlichen Bestatteten fanden sich zwei Vater-Sohn-Paare und ein Geschwisterpaar, und bei allen männlichen Toten wich die DNA der Geschlechtschromosomen (Y-Chromosomen) nur geringfügig voneinander ab. Marie Lacan folgert daraus: ?Wir können vermuten, dass diese Nekropole ausschließlich für die Männer aus ein und derselben väterlichen Linie bestimmt war.? Die mitochondriale DNA (mt-DNA) hingegen, die nur über die mütterliche Linie vererbt wird, verriet: Die genetischen Wurzeln der Frauen von Treilles liegen querbeet in ganz Europa und spiegeln die Vielfalt der gesamten Besiedlungsgeschichte, einschließlich der alten Jäger-Sammler-mt-Haplotypen U und U5. Das könne ein Indiz für eine patrilokale Gesellschaft sein, erklärt Lacan: Die Männer des Clans wohnten stets am selben Ort und holten sich ihre Frauen von außerhalb.

Die starke genetische Gleichförmigkeit unter den männlichen Toten bestätigte sich auch bei der Y-Haplotypen-Bestimmung: Bis auf zwei Individuen gehören alle zum selben mediterranen Zweig des Y-Haplotyps G2a. Er kommt im West- und Mitteleuropa der Gegenwart überhaupt nicht vor und ist nur im Süden in kleinen Anteilen ? zu maximal 2 Prozent ? anzutreffen: im heutigen Portugal, auf Zypern, im südlichen Anatolien und im Libanon. ?Es ist somit wahrscheinlicher, dass der neolithische Beitrag zum Gen-Pool von Treilles aus dem Mittelmeerraum stammt anstatt aus Mitteleuropa?, erläutert Lacan. ?Zumindest für den Gen-Pool der Männer zeigen unsere Ergebnisse, dass die Ausbreitung der neolithischen Wirtschaftsform hier auf der Mittelmeerroute stattgefunden hat.?
Marie Lacan (Institut de Médecine Légale, Strasbourg) et al.: PNAS Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1100723108

wissenschaft.de ? Thorwald Ewe


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