Äsende Nussknacker

Paranthropus boisei, ein vor 1,2 Millionen Jahren ausgestorbener Hominide, ernährte sich nicht ? wie bisher geglaubt ? von hartschaligen Produkten sogenannter C3-Pflanzen, etwa Nüssen, Samen und Knollen. Stattdessen mümmelte er mit seinen extrem großen, flachen Backenzähnen und dem klobigen Kiefer vor allem C4-Pflanzen: tropische Gräser oder Seggen, eine Pflanzengattung aus der Familie der Sauergrasgewächse.
Das entdeckte eine Arbeitsgruppe um den Geochemiker Thure Cerling an der University of Utah durch eine Isotopen-Analyse an 24 Zähnen von 22 Individuen, die vor 1,9 bis 1,4 Millionen Jahren in Ostafrika gelebt haben.
?Nußknackermensch? nannten die Paläoanthropologen bisher den Paranthropus boisei ? einen ausgewachsen etwa 1,40 Meter großen und 50 Kilogramm schweren Hominiden, dessen Schädel mit einem massiven Kauapparat ausgestattet war. Angesichts der Backenzähne mit Kauflächen im Format von 2-Euro-Münzen vermuteten die Forscher, dieser Hominide habe sich in erster Linie von hartem Pflanzenmaterial ernährt, beispielsweise von Nüssen, Samen, Wurzeln und Knollen, die er mit Grabstöcken aus dem Boden wühlte. Doch seinen Spitznamen trug Paranthropus boisei zu Unrecht, stellen Wissenschaftler um den amerikanischen Geochemiker Thure Cerling in der Online-Ausgabe der ?Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS)? fest. ?Er aß höchstwahrschein-lich Gras, und er knackte definitiv keine Nüsse?, bringt Cerling das Ergebnis der Studie auf den Punkt.

In Zusammenarbeit mit Kollegen von den National Museums of Kenya in Nairobi entnahmen die Forscher jeweils 2 Milligramm Probenmaterial aus dem Schmelz von 24 Paranthropus-boisei-Zähnen. Darin bestimmten sie die Mengenverhältnisse der Kohlenstoff-Isotopen. Sie sind ein im Zahnschmelz konserviertes Abbild dessen, was das Individuum während seines Lebens gegessen hat: ob vorwiegend Produkte sogenannter C3-Photosynthese-Pflanzen ? etwa Kräuter oder Teile von Bäumen oder Büschen mit ihren Nüssen und Früchten ? oder ob Gewebe von C4-Photosynthese-Pflanzen, zum Beispiel von tropischen Gräsern und Seggen. Zu den Seggen, die häufig Standorte in Wassernähe bevorzugen, gehört beispielsweise Papyrus.

Das Ergebnis ihrer Analyse überraschte die Arbeitsgruppe: durchschnittlich 77 Prozent C4. Die Zusammensetzung der Kohlenstoff-Isotopen im Zahnschmelz von Paranthropus boisei unterscheidet sich somit fundamental von der aller anderen lebenden oder ausgestorbenen Hominiden ? mit einer einzigen Ausnahme: Die ausgestorbene, Gras fressende Pavian-Art Theropithecus oswaldi weist ein ähnliches Isotopenverhältnis auf. Die Analysedaten des ? angeblichen ? Nußknackermenschen ließen sich nicht unterscheiden von denen bei grasenden Tieren wie Zebras oder Nilpferden, sagt Cerling: ?Sie waren Nahrungskonkurrenten, sie aßen am selben Tisch.?

Der US-Forscher erwartet erhebliche Konsequenzen seiner Studie auf die künftige Untersuchung des vor- und frühmenschlichen Ernährungsverhaltens: ?Ein großer Teil der bisherigen Arbeiten befasste sich nur mit Größe und Form der Zähne, ergänzt durch Analysen des Mikro-Abriebs auf den Kauflächen.? Auch bei anderen Hominiden-Arten hält er nun eine Überprüfung früherer ? und womöglich unzutreffender ? Schlussfolgerungen durch eine Isotopen-Analyse für angebracht.
Thure E. Cerling (University of Utah) et al.: Proceedings of the National Academy of Sciences, online am 2. Mai 2011.
doi: 10.1073/pnas.1104627108


wissenschaft.de ? Thorwald Ewe


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