Freispruch für die Lebenserwartung

Die Lebenserwartung von Neandertalern und den ersten Vertretern des modernen Menschen war vermutlich gleich. Sie kann daher nicht der entscheidende Faktor gewesen sein, der unsere Vorfahren überleben und deren Verwandten aussterben ließ. Das schließt der Anthropologe Erik Trinkaus von der Washington University in St. Louis aus der Datenanalyse von Fossilien beider Menschenformen, die vermutlich mehrere 10.000 Jahre nebeneinander existierten. Die Skelettreste von Vertretern beider Gruppen zeigen der Auswertung zufolge eine ähnliche Altersverteilung zum Zeitpunkt des Todes. Demnach war die Lebenserwartung bei beiden Menschenformen gleich gering: Nur etwa 14 Prozent wurden älter als 40 Jahre. Dieses Ergebnis widerspricht bisherigen Vermutungen, die modernen Menschen hätten länger gelebt als die Neandertaler und dass dieser Vorteil es ihnen ermöglichte, den Urmenschen zu verdrängen.
Die fossilen Überreste, auf denen die Ergebnisse der Studie basieren, stammen von 59 Vertretern der Neandertaler und 62 frühen anatomisch modernen Menschen, die vor dem Aussterben der Neandertaler vor etwa 30.000 Jahren lebten. Trinkaus zufolge repräsentieren diese Funde alle verfügbaren Exemplare, von denen eine Bestimmung des Sterbealters vorliegt. Diese Zuordnung erfolgte meist anhand der Zähne, deren Eigenschaften Rückschlüsse auf das Alter der oder des Verstorbenen zulassen.

Die Datenanalyse zeigte, dass etwa 14 Prozent der Neandertaler bei ihrem Tod älter war als 40 Jahre. Die Auswertung der Altersverteilung bei den Fossilien der modernen Menschen ergab etwa den gleichen Prozentsatz. Trinkaus räumt allerdings selbst ein, dass die verfügbaren Informationen nicht ausreichen, um die Altersverteilung bei den Menschengruppen präzise und umfassend zu charakterisieren. Die vorliegenden Ergebnisse lieferten aber einen deutlichen Hinweis auf eine ähnliche Altersstruktur bei Homo sapiens und Neandertaler, betont er.

Das Populationswachstum des modernen Menschen machte ihn über die Jahrtausende hinweg langsam zur vorherrschenden Menschenform, bis er den Neandertaler schließlich völlig verdrängt hatte, schreibt Trinkaus. Welche Faktoren ihn überlegen machten, bleibt weiter unklar. Eine kürzere Lebensspanne beim Neandertaler scheidet den aktuellen Ergebnissen zufolge aber mit hoher Wahrscheinlichkeit aus. Trinkaus vermutet eher, dass eine größere Fruchtbarkeit und eine geringere Kindersterblichkeit eine mögliche Zutat im Erfolgsrezept unserer Vorfahren war.
Erik Trinkaus (Washington University, St. Louis): PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1018700108

dapd/wissenschaft.de ? Martin Vieweg


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