Indische Gene in Australien

 Felsmalerei der Aborigines (Bild: Thinkstock)
Felsmalerei der Aborigines (Bild: Thinkstock)
Der große Wandel kam vor rund 4.200 Jahren: Die Kultur der Ureinwohner Australiens hatte sich bis dahin relativ stetig und ohne große Veränderungen entwickelt. Dann aber begannen die Vorfahren der heutigen Aborigines plötzlich, völlig andere Steinwerkzeuge herzustellen. Statt grober Keile fertigten sie nun auch feine Mikroklingen. Und auch ihre Pflanzennahrung bereiteten sie nun anders zu als vorher. Aber warum? Das blieb lange ungeklärt. Jetzt jedoch hat ein internationales Forscherteam herausgefunden, woher der große Wandel kam: Indische Einwanderer brachten vor rund 4.230 Jahren neue Kulturtechniken auf den fünften Kontinent.
"Wir haben in unseren Erbgutanalysen das Signal eines substanziellen Genaustauschs zwischen der indischen und australischen Bevölkerung zu dieser Zeit entdeckt", erklären Irina Pugach vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und ihre Kollegen. Dieser Fund widerspricht der bisherigen Annahme, nach der sich Australiens Ureinwohner über Zehntausende von Jahren hinweg völlig isoliert von der Außenwelt entwickelt haben.

Einwanderung über Landbrücken und Inseln

Die Geschichte der Ureinwohner Australiens reicht gut 45.000 Jahre zurück. Damals wanderten ihre Vorfahren aus Afrika über Asien in das heutige Gebiet Indonesiens und Australiens ein. Diese erste Einwanderungswelle nach Australien blieb auch die letzte - so zumindest dachte man bisher. Die Aborigines, so die Lehrmeinung, blieben über Zehntausende von Jahren unter sich und entwickelten ihre Kultur weitgehend isoliert von der Außenwelt. "Nach vorherrschender Ansicht gab es nur wenig, wenn überhaupt, Kontakt zwischen Australien und dem Rest der Welt, bis im 18. Jahrhundert die ersten Europäer kamen", erklären die Forscher.

Doch ganz sicher war man sich nicht. Denn zumindest in der Tierwelt gab es ein eindeutiges Indiz für einen Kontakt nach außen: Vor rund 4.000 Jahren tauchten erstmals Dingos in Australien auf. Diese von Haushunden abstammenden Räuber waren in der ansonsten von Beuteltieren dominierten Fauna echte Exoten - und müssen daher eingewandert sein.

Überraschend ähnliche Mutationsmuster

Um zu klären, ob nicht vielleicht doch auch menschliche Einwanderer die Isolation des fünften Kontinents durchbrochen haben, durchmusterten Pugach und ihre Kollegen das Erbgut der Aborigines noch einmal gezielt nach Spuren fremder Gene. Sie verglichen dafür das Muster von Punktmutationen - Veränderungen einzelner Buchstaben im genetischen Code - von Aborigines mit dem von Menschen aus anderen Gegenden der Erde. Als Vergleichsgruppen dienten dabei sowohl Bewohner Neuguineas, verschiedener Inseln Südostasiens und Indiens als auch Chinesen, Europäer und ein afrikanischer Volksstamm.

Das überraschende Ergebnis: Zwischen Aborigines und Indern gab es bei einem Teil des Mutationsmusters auffällige Übereinstimmungen. Bei anderen Bevölkerungsgruppen tauchte dieses Muster dagegen nicht auf. "Dies deutet auf einen Genfluss von Indien nach Australien hin", konstatieren die Forscher. Menschen indischer Abstammung müssen demnach einst auf den fünften Kontinent gelangt sein und sich dann mit einheimischen Aborigines vermischt haben.

Wann dies stattfand, konnten die Wissenschaftler ebenfalls aus ihren Mutationsdaten herauslesen. Denn die Geschwindigkeit, mit der sich das Erbgut durch Kopierfehler und andere Mutationen verändert, ist relativ stabil und bekannt. Anhand kleiner Unterschiede im Mutationsmuster der Inder und Australier errechneten die Forscher, dass die Einwanderung vor rund 141 Generationen erfolgt sein muss. "Nimmt man eine Generationszeit von etwa 30 Jahren an, ereignete sich der Genaustausch zwischen Indien und Australien daher vor rund 4.230 Jahren", berichten Pugach und ihre Kollegen.

Dass dies genau mit der Zeit zusammentrifft, in der sich die Kultur der Aborigines deutlich veränderte, ist nach Ansicht der Forscher kein Zufall. Die Einwanderer brachten damals offensichtlich nicht nur ihre Gene, sondern auch ihr Wissen und ihre Kultur mit in die neue Heimat - und teilten beides mit ihren neuen Nachbarn.
Irina Pugach (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al.: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), doi: 10.1073/pnas.1211927110

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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