Arabien als Menschenpumpe

 Feuersteinspitze einer afrikanischen Werkzeugkultur der Altsteinzeit, gefunden in Dhofar/Oman. (Bild: Y. Hilbert)
Feuersteinspitze einer afrikanischen Werkzeugkultur der Altsteinzeit, gefunden in Dhofar/Oman. (Bild: Y. Hilbert)
Neue archäologische Funde auf der Arabischen Halbinsel weisen in dieselbe Richtung wie genetische Analysen: Die heute meist wüstenhafte Region zwischen Rotem Meer und Persischem Golf gehörte schon vor mindestens 125.000 Jahren zum Lebensraum des modernen Homo sapiens. Damals ließ ein günstiges Klima Arabien ergrünen, Flüsse und Seen durchzogen das Land. Die Spuren früher Auswanderer aus Afrika müssten heute auch am Grund des Persischen Golfs zu finden sein, vermutet der Archäologe Jeffrey Rose: Dort habe eine große Süßwasser-Oase attraktive Lebensbedingungen geboten.
Vor der Küste von Abu Dhabi, wo heute Urlauber nach dem Flair des Orients suchen, liegt in nur etwa zehn Meter Wassertiefe die Great Pearl Bank Barrier. Das langgezogene Korallenriff könnte einen wissenschaftlichen Schatz bergen, meint Jeffrey Rose, Archäologe in Maskat/Oman: „Ich sehe eine große Chance, dass genau da altsteinzeitliche Relikte liegen“, sagt der Arabien-Spezialist in der aktuellen Ausgabe 2/2013 von „bild der wissenschaft“.

Rose ist der Urheber der „Golf-Oasen-Hypothese“. Sie besagt: Wo derzeit der Persische Golf ist, lag mehr als 60.000 Jahre lang eine fruchtbare, von Flüssen und – heute untermeerischen – Quellen bewässerte Senke. Während der Kaltphasen der letzten Eiszeit sank global der Meeresspiegel, sodass flache Meeresarme wie der Golf trockenfielen. Geologen haben das bestätigt. Diese Oase, so Rose weiter, bot den schon seit 125.000 Jahren in Arabien lebenden frühmodernen Menschen eine letzte Zuflucht, wenn die häufigen Klima-Kapriolen wieder einmal die grüne Inlandsteppe in Wüste verwandelt hatten.

Angelockt und dann vertrieben

Der mehrmalige Wechsel zwischen feuchten und trockenen Klimaphasen in Arabien dürfte wie eine Menschenpumpe gewirkt haben: In guten Zeiten, wenn Flüsse und Seen in Innerarabien Wasser führten und jagdbares Wild gedeihen ließen, expandierten afrikanische Jäger-Sammler-Horden auf die Halbinsel. In Dürrephasen zogen sie sich in Refugien zurück oder wanderten – auf der Suche nach besseren Jagdgründen – weiter nach Norden und Osten auf den asiatischen Kontinent. Dies kann der Mechanismus gewesen sein, der die Auswanderung des modernen Menschen in alle Welt anstieß, vermutet der Archäologe Michael Petraglia von der University of Oxford.

Der Tübinger Archäologe Hans-Peter Uerpmann und sein Grabungsteam entdeckten schon 2011 am Dschebel Faya in den Vereinigten Arabischen Emiraten 125.000 Jahre alte Feuersteinabschläge. Die Forscher halten anatomisch moderne Menschen für die Urheber. Uerpmann spricht sich in der aktuellen Ausgabe von bild der wissenschaft klar für eine Sprungbrett-Funktion Südostarabiens aus: „Unsere Fundstätte liegt gerade mal 160 Kilometer Luftlinie von der iranischen Seite des Golfs entfernt“, argumentiert der deutsche Archäologe.

In einem groß angelegten, von der Europäischen Union mit 2,3 Millionen Euro unterstützten Projekt versucht jetzt ein Team um Michael Petraglia, die einstigen Wanderwege des Homo sapiens in und durch Arabien aufzuspüren. Der Ansatzpunkt: vormalige Flüsse und Seen, an denen die Menschen entlanggezogen sein könnten. Moderne Technik hilft den Archäologen bei der Suche: Sie werten NASA-Satellitenbilder aus und erkunden erst dann aussichtsreiche Stellen vor Ort.
© wissenschaft.de – Thorwald Ewe


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