Frühreife Neandertaler

Neandertaler hatten eine kürzere Kindheit als der moderne Mensch, hat ein internationales Forscherteam herausgefunden. Entdeckt haben das die Forscher mit Hilfe der bislang genauesten Untersuchung von Wachstumsspuren in den Zähnen von Neandertaler-Kindern. Ergebnis: Die Neandertaler-Zähne wuchsen deutlich schneller als die moderner Menschen, die Frühmenschen wurden demnach auch früher erwachsen als der Nachwuchs von Homo sapiens. Für letzteren war die lange Kindheit vermutlich ein Segen: Sie scheint ihm in der Evolution einen entscheidenden Vorteil gegenüber seinem Verwandten verschafft zu haben, berichten Wissenschaftler um Tanya Smith von der Harvard University in Cambridge.
Zähne speichern die Zeit: Ähnlich wie die Jahresringe bei Bäumen geben auch Wachstumslinien in den Zähnen Auskunft über das Alter eines Menschen. Die ersten Backenzähne enthalten sogar eine bestimmte Geburtslinie, mit der sich exakt berechnen lässt, wie alt ein Mensch war, als er starb. Aufgrund dessen gelang es den Forschern um Smith nun, durch eine Art Röntgenverfahren mit Hilfe energiereicher Synchrotron-Strahlen das Wachstum von zehn kindlichen Neandertaler- und Homo-sapiens-Fossilien nachzuvollziehen. Sie verglichen dazu insgesamt 90 Zähne von 28 verschiedenen Neandertalern mit 39 Zähnen von neun Homo-sapiens-Fossilien und 464 Zähnen jetztzeitlicher Menschen.

Der Vergleich der Zähne machte deutlich: Die Kauwerkzeuge des Neandertalers wuchsen schneller als beim modernen Menschen. Neandertaler-Kinder entwickelten sich demnach schneller als der Nachwuchs von Homo sapiens und hatten demzufolge eine kürzere Kindheit. Das gilt nicht nur für den heute lebenden Menschen, entdeckten die Forscher: Auch einige der ältesten Gruppen moderner Menschen, die Afrika vor 90.000 bis 100.000 Jahren verließen, wurden nicht so früh erwachsen wie der Neandertaler. Allerdings hatten Neandertaler im Vergleich zu früheren Menschenvorfahren und deren Verwandten immer noch eine relativ lange Kindheit: Diese erreichten, ähnlich wie heutige Menschenaffen, sehr früh die körperliche Reife und die Fortpflanzungsfähigkeit, hatten jedoch auch eine geringere Lebenserwartung. Die Wissenschaftler gehen daher davon aus, dass sich das langsame Wachstum und die lange Kindheit erst spät in der menschlichen Evolution entwickelten und sich in unserer Art besonders stark durchsetzte.

Nach Ansicht der Forscher war es genau diese Eigenheit, die dem modernen Menschen einen entscheidenden Vorteil in der Evolution verschaffte: Die verlängerte Reifezeit erleichterte das Lernen und förderte die Entwicklung komplexer kognitiver Fähigkeiten. Damit war Homo sapiens seinem gleichzeitig lebenden Verwandten, dem Neandertaler, vermutlich überlegen, sagen die Forscher. Die Studie deutet einmal mehr darauf hin, dass es trotz der engen Verwandtschaft zwischen Homo sapiens und Neandertaler einige Unterschiede zwischen den beiden Arten gab. Erst in der vergangenen Woche hatten Forscher gezeigt, dass auch die Entwicklung des Gehirns in der frühen Kindheit bei Neandertalern anders verlief als beim modernen Menschen.
Tanya Smith (Harvard University, Cambridge) et al.: PNAS, doi: 10.1073/pnas.1010906107

dapd/wissenschaft.de ? Peggy Freede


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