Vielsagende Fingerlängenanalyse

Die Neandertaler tendierten eher zur Promiskuität als zur monogamen Lebensweise. Das verrät laut einem britisch-kanadischen Forscherteam die Fingerlänge der Frühmenschen: Sie besaßen einen relativ kurzen Zeige- und einen vergleichsweise langen Ringfinger. Das ist heute noch typisch für Primaten, bei denen die Männchen ständig um die Weibchen konkurrieren müssen, wie Schimpansen und Gorillas. Monogam lebende Gibbons haben dagegen fast gleich lange Zeige- und Ringfinger. Zwar sei es etwas gewagt, aus der Fingerlänge auf das Sozialverhalten einer ausgestorbenen Spezies zu schließen, geben die Forscher zu. Sie halten ihre Folgerungen dennoch für legitim, da das Fingerlängenverhältnis bei allen bekannten Menschenaffen inklusive des Menschen direkt mit der jeweiligen Gesellschaftsstruktur korreliert.
Es klingt im ersten Moment skurril, dass ausgerechnet die Fingerlänge etwas über Sozialstrukturen verraten soll. Dennoch ist der Zusammenhang mittlerweile von einer ganzen Reihe von Studien untermauert. Die Theorie dahinter: Das Verhältnis zwischen Zeige- und Ringfinger spiegelt wider, ob ein Embryo im Mutterleib mit viel oder wenig männlichen Hormonen in Kontakt kommt. Ein hoher Hormonspiegel geht dabei nicht nur mit einem kurzen Zeige- und einem langen Ringfinger einher, sondern auch mit einer dominanteren, eher zu Aggressionen neigenden Persönlichkeit. Derartige Individuen bewähren sich vor allem in Konkurrenzsituationen, wie sie beispielsweise in Gesellschaften herrschen, in denen es keine festen Paarbindungen gibt.

Das gilt unter anderem für Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans - und bei ihnen dominieren tatsächlich Individuen mit langen Ring- und kurzen Zeigefingern. Beim Menschen dagegen gibt es eine große Bandbreite an Fingerlängenverhältnissen und dazu passend auch viele verschiedene Partnerschaftsmodelle. Der Zusammenhang ist also ziemlich eindeutig, betonen Emma Nelson und ihre Kollegen - daher erlaubt er ihrer Ansicht nach auch, Rückschlüsse auf Sozialstrukturen bei lange ausgestorbenen Primaten zu ziehen.

Nelson nahm sich also zusammen mit ihrem Team die fossilen Fingerknochen einer Reihe früher Hominiden vor. Dazu gehörten der vor etwa 12 Millionen Jahren ausgestorbene Pierolapithecus catalaunicus, der Orang-Utan-ähnliche Hispanopithecus laietanus, der vor etwa 9,5 Millionen Jahren lebte und Ardipithecus ramidus, rund 4,4 Millionen Jahre alt, der entweder ein direkter Vorfahr der Menschen oder ein enger Verwandter unserer Urahnen war. Dazu kamen noch Australopithecus afarensis, der vor zwei bis drei Millionen Jahren lebte und als echter Menschenvorfahr gilt, der Neandertaler und ein 90.000 Jahre alter Homo sapiens.

Die frühen Spezies hatten alle ein ähnliches Fingerlängenverhältnis wie die heutigen Menschenaffen, zeigte die Analyse - sie lebten demnach vermutlich in promiskuitiven Gruppen. Das änderte sich erst bei Australopithecus: Seine Fingerlängen deuten auf eine monogame Lebensweise hin. Beim Neandertaler und auch beim frühen Homo sapiens ergibt sich kein ganz eindeutiges Bild. Vermutlich hatten sie demnach ebenfalls verschiedene Partnerschaftsmodelle, tendierten aber eher zur Promiskuität als heute lebende Menschen, schließen die Forscher. Sie hoffen nun, die Gültigkeit ihrer Methode mit Hilfe weiterer Funde bestätigen zu können.
Emma Nelson (University of Liverpool) et al.: Proceedings of the Royal Society B, doi: 10.1098/rspb.2010.1740

dapd/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel


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