Was den Mensch zum Menschen macht

 Studienleiter Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig mit einer Rekonstruktion eines Neandertalerschädels.
Studienleiter Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig mit einer Rekonstruktion eines Neandertalerschädels.
Bei der Entwicklung des Menschen haben sich der Neandertaler und der frühe moderne Mensch vermischt: Bis heute beträgt der Neandertaler-Anteil im Erbgut des modernen Menschen bis zu vier Prozent. Diese sensationelle Entdeckung haben Wissenschaftler um Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gemacht, als sie einen ersten Entwurf der Genomsequenz des vor rund 30.000 Jahren ausgestorbenen Hominiden mit dem Genom von fünf heute lebenden Menschen verglichen. Der Vergleich ermöglicht es den Forschern, nach den genetischen Veränderungen zu suchen, die für die Entwicklung und den Erfolg des modernen Menschen entscheidend waren. Die Forscher wurden bereits fündig: Sie entdeckten unter anderem ein mutiertes Gen, das Einfluss auf die kognitive und geistige Entwicklung hat, sowie ein anderes, das an der Entwicklung von Schädelskelett, Schlüsselbein und Brustkorb maßgeblich beteiligt ist.
Hatten sie Sex oder nicht? Die Frage nach einer möglichen Vermischung von Neandertaler und dem frühen anatomisch modernen Menschen beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Im Jahr 2008 schien es noch, als würden diejenigen recht behalten, die einen Kontakt zwischen den beiden Hominiden verneinten: Damals war die mitochondriale DNA (mtDNA) des Neandertalers sequenziert worden, also der Teil des Genoms, der in den Kraftwerken der Körperzellen enthalten ist und nur von der Mutter weitervererbt wird. Die mtDNA-Sequenzierung hatte keinen Hinweis auf eine Vermischung zwischen den Neandertalern und den frühen modernen Menschen ergeben.

Nun fanden die Forscher um Pääbo jedoch eindeutige Beweise für eine solche Vermischung, indem sie eine vorläufige Genomsequenz des Neandertalers erstellten und mit dem Genom von fünf Menschen unserer Zeit verglichen, die aus dem südlichen Afrika, Westafrika, Papua-Neuguinea, China und Frankreich stammen. Das Ergebnis: Der Mensch trägt heute noch ein bis vier Prozent Neandertaler-Erbgut in sich. Dabei sind Nicht-Afrikaner näher mit dem Neandertaler verwandt als Afrikaner. Eine Erkenntnis, für die Pääbo eine einfache Erklärung hat: Die vor allem in Süd- und Mitteleuropa sowie im Nahen Osten und Zentralasien beheimateten Neandertaler "haben sich wahrscheinlich mit frühen modernen Menschen vermischt, bevor Homo sapiens sich in Europa und Asien in verschiedene Gruppen aufspaltete."

Rund eine Milliarde DNA-Fragmente analysierten die Wissenschaftler für die Version der Genomsequenz, die rund 60 Prozent des gesamten Genoms umfasst. Das dafür benötigte Knochenpulver gewannen die Forscher mit Hilfe eines sterilen Zahnarztbohrers hautsächlich aus drei rund 38.000 Jahre alten Neandertaler-Knochen aus der Vindija-Höhle in Kroatien, ergänzt von Material fossiler Knochen aus Spanien, Russland und dem Neandertal in Deutschland. Dabei überwanden die Forscher eine besondere Hürde, die bislang eine Genomsequenzierung verhindert hatte: Es gelang ihnen, das Erbsubstanzgemisch von fremdem Erbgut zu reinigen. "Mehr als 95 Prozent der DNA in einer Probe stammen von Bakterien und Mikroorganismen, die den Neandertaler nach seinem Tod besiedelten", sagt Svante Pääbo. Um die Proben nicht versehentlich selbst zu verunreinigen, führten die Wissenschaftler die Analysen zudem in sogenannten Reinsträumen durch.
Svante Pääbo (Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig) et al.:
Science, Bd. 328, Nr. 5979, S. 710, doi: 10.1126/science.1188021

ddp/wissenschaft.de ? Mascha Schacht


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