Woher die Inder stammen

 Indien ist ein Sammelsurium aus Sprachen, Religionen, Kulturen - und genetischen Linien. Bild: Oct11988duh, Wikipedia
Indien ist ein Sammelsurium aus Sprachen, Religionen, Kulturen - und genetischen Linien. Bild: Oct11988duh, Wikipedia
Eine Analyse der genetischen Unterschiede zwischen 25 indischen Volksgruppen liefert einen überraschenden Befund: Nur zwei verschiedene Ursprungspopulationen haben die enorme genetische Vielfalt des Subkontinentes hervorgebracht. Aus je einer nördlichen und einer südlichen Volksgruppe haben sich nach der Besiedlung Indiens einzelne Gruppen abgespalten, welche durch das Kastensystem und die genau regulierten Heiratssitten über Jahrtausende voneinander isoliert blieben. Deshalb stammen zwar alle Gruppen von denselben beiden Populationen ab, unterscheiden sich aber in ihren genetischen Merkmalen wesentlich voneinander.
Die Forscher untersuchten über 560.000 genetische Marker von gut 130 Personen aus verschiedenen Volksgruppen. Mit dieser Bandbreite an Daten konnten sie sämtliche Sprachfamilien, Kasten und Stämme abdecken, welche die indische Bevölkerung zu einer sehr heterogenen Gesellschaft macht. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass alle untersuchten Personen von zwei genetischen Gruppen abstammen: einer nordindischen und einer südindischen Urpopulation. Die nordindische weist eine alte Verwandtschaft zu europäischen Volksgruppen auf, während die südindische nur mit einem bereits ausgestorbenen Volksstamm ? den sogenannten Onge, die auf der Inselgruppe der Andamanen lebten ? größere Gemeinsamkeiten hat.

Trotz dieser Abstammung von nur zwei genetischen Stämmen zerfällt die heutige indische Gesellschaft in viele Kleingruppen. Sie sind offenbar nicht nur kulturell und geografisch voneinander isoliert, sondern auch genetisch. Das führen die Forscher auf den sogenannten Gründereffekt zurück. Demnach entsteht bei der Gründung einer neuen Population durch wenige Individuen eine Gruppe mit einer erheblich verringerten genetischen Vielfalt. Wenn sich die neugegründeten Populationen zudem nicht wieder vermischen, entwickeln sie sich genetisch aufgrund des unterschiedlichen Ausgangsmaterials in verschiedene Richtungen weiter. Genau das ist in Indien seit seiner Besiedlung vor rund 60.000 Jahren passiert.

Einerseits könne man also schon durch das Erbgut von wenigen Mitgliedern die genetischen Vorfahren einer Gruppe identifizieren, ziehen die Forscher einen ersten Schluss aus ihrer Studie. Andererseits sei es schwierig, einen Überblick über die genetische Vielfalt der gesamten indischen Bevölkerung zu geben. Außerdem vermuten die Wissenschaftler, dass in Indien viele Erbkrankheiten verbreitet sind, denn der Gründereffekt kann ähnliche Auswirkungen haben wie Inzucht. Dabei wird das Erbgut einzelner Familien oder Gruppen bei der Fortpflanzung nicht vermischt, was zu einer Häufung von Krankheitsgenen führt. Die Forscher konnten zudem bestätigen, dass sich die einzelnen Kasten aus alten Volksstämmen entwickelt haben und nicht in jedem Stamm ein eigenes Kastensystem existierte.
David Reich (Harvard-Universität, Boston) et al.: Nature, Bd. 461, S. 489

ddp/wissenschaft.de - Martina Bisculm


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