Rätselhafte Indus-Schrift

 Es sind noch zahlreiche Überreste der rätselhafen Indus-Schrift erhalten - ihr Inhalt bleibt jedoch nach wie vor unklar. Foto: J.M.Kenoyer/ Harrapa.com
Es sind noch zahlreiche Überreste der rätselhafen Indus-Schrift erhalten - ihr Inhalt bleibt jedoch nach wie vor unklar. Foto: J.M.Kenoyer/ Harrapa.com
Es ist eines der großen Rätsel der Archäologie: Über die Bilder, Symbole und Zeichen der sogenannten Indus-Schrift zerbrechen sich Archäologen, Sprachwissenschaftler und Mathematiker seit mehr als 130 Jahren die Köpfe. Liegt der zwischen 1900 und 2600 Jahre vor Christus im Indus-Tal gebräuchlichen Schrift eine gesprochene Sprache zugrunde? Oder entsprechen die an ägyptische Hieroglyphen erinnernden Zeichen lediglich Piktogrammen mit eigenen Bedeutungen? Wissenschaftler glauben jetzt zumindest auf diese Frage eine Antwort gefunden zu haben: Die logische Struktur der Indus-Schrift deutet tatsächlich auf eine gesprochene Sprache hin, schließen Rajesh Rao von der Universität von Washington in Seattle und seine indischen Kollegen aus Computeranalysen.
Quadrate, Rechtecke, gezackte Linien, komplizierte geometrische Muster: Die Zeichen der Indus-Schrift, die auf kleinen Tontafeln gefunden wurden, sind vielfältig. Sie stammen aus der Indus-Kultur, die im heutigen Grenzgebiet zwischen Indien und Pakistan entstanden war ? zu einer Zeit, als sich auch in Mesopotamien und am Nil bedeutende Zivilisationen entwickelt hatten. Einig sind sich Wissenschaftler darin, dass es sich bei den Zeichen um eine Schrift handelt.

Doch seit ihrer Entdeckung im 19. Jahrhundert sind mehr als hundert Versuche gescheitert, diese zu entziffern. Schließlich kamen unter Forschern sogar Zweifel auf, ob der Indus-Schrift tatsächlich eine gesprochene Sprache zugrundeliegt. So propagierten Wissenschaftler 2004 die Hypothese, die Zeichen könnten lediglich als Piktogramme mit religiösen oder politischen Symbolgehalt verstanden werden.

Dem widersprechen nun Rajesh Rao und sein Team indischer Computerwissenschaftler und Mathematiker. Die Forscher hatten eine Analysemethode entwickelt, bei der ein Computerprogramm die logische Struktur der Zeichen und ihrer Abfolge auswertet. Dieses System wandten sie nicht nur auf die Indus-Schrift an, sondern auf mehrere bekannte Sprachen, darunter das heutige Englisch, die in Mesopotamien gesprochene Sprache der Sumerer, eine Vorläufersprache des Sanskrit sowie die alte tamilische Sprache. Zum Vergleich analysierten die Wissenschaftler mit dem Algorithmus auch andere Abfolgen von Zeichen, beispielsweise den Code der menschlichen DNA oder der Programmiersprache "Fortran".

Die logische Struktur der Indus-Schrift passt genau in das Schema bekannter, gesprochener Sprachen, ergab die Auswertung. Damit liege der Schrift tatsächlich eine Sprache zugrunde, die vor mehr als 4.000 Jahre am Indus gesprochen wurde, erklären die Wissenschaftler. Entziffern können die Forscher die Zeichen auf den Täfelchen dennoch bisher nicht. "Wir wollen nun die Struktur und die Syntax der Schrift analysieren und so auf die grammatischen Regeln schließen", kündigt Rao an. Der Wissenschaftler hofft, damit tatsächlich einmal den Code zu knacken und hinter den Inhalt der Tontäfelchen zu kommen.
Rajesh Rao (Universität von Washington, Seattle) et al.:
Science, Online-Veröffentlichung, doi: 10.1126/science.1170391

ddp/wissenschaft.de ? Ulrich Dewald


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