Moos im Magen

Der Steinzeitjäger Ötzi, der vor 5.200 Jahren in den Ötztaler Alpen starb, hatte zum Zeitpunkt seines Todes sechs verschiedene Sorten Moos in seinen Verdauungsorganen. Wahrscheinlich benutzte Ötzi einige der Gewächse für unterschiedliche Zwecke, zum Beispiel als Butterbrotpapier und als Wundverband, berichten Forscher um James Dickson. Absichtlich gegessen hat der Eismann das weder nahr- noch schmackhafte Moos wohl nicht.
Dickson und seine Kollegen versuchten, Ötzis Wanderroute anhand der verdauten Moosarten nachzuvollziehen. Dafür kartierten sie die heutige Vegetation im Umkreis des Fundortes. Sie vermuten, dass Ötzis sein Essen in Moos einwickelte, und zwar in das sogenannte Glatte Neckermoos. Spuren davon waren in allen fünf Proben aus dem Verdauungstrakt vorhanden. Die Forscher vermuten daher, dass alle Mahlzeiten, die Ötzi in den letzten Stunden seines Lebens einnahm, in einer Mooshülle eingepackt waren.

Ein anderes Moos namens Hymenostylium recurvirostrum, das die Forscher in einer Probe aus Ötzis Exkrementen fanden, wächst vor allem auf Süßwasserkalkstein. Demnach könnte der Eismann es mindestens einen Tag vor seinem Tod beim Trinken aufgenommen haben. Allerdings entdeckten die Forscher in der Nähe des Mumien-Fundortes keine Vorkommen dieser in Südtirol relativ seltenen Moosart. Sie vermuten, dass Ötzi sich auf Wanderschaft befand und sich vorher in tiefer gelegenen Gebieten aufgehalten hatte. Das Schnalstal, das viele Forscher bislang als Wanderroute angenommen hatten, scheidet nach Meinung von Dickson und seinen Kollegen aber als Aufenthaltsort aus.

Eine dritte Moossorte, ein Torfmoos, verwendete Ötzi möglicherweise als Wundverband. Die Forscher berichten, dass die amerikanischen Ureinwohner Torfmoose als Windeln benutzten, da sie zum einen sehr saugkräftig sind und zum anderen antibakteriell wirken. Auch andere Funde aus der Bronzezeit deuten darauf hin, dass die Menschen Torfmoose damals zum Verbinden benutzten. So wurden Überreste eines Torfmooses im Darmausgang einer Gletscherleiche aus Nordamerika gefunden. Allerdings ist unbekannt, ob der 17- bis 20-jährige Mann verletzt war.

Ötzi jedenfalls trug zwei Wunden, als er starb, darunter einen tiefen Schnitt in seiner rechten Hand. Das Moos könnte von dort aus beim Essen in den Magen gelangt sein, vermuten Dickson und Kollegen. Da Torfmoose heute in den Ötztaler Alpen nicht vorkommen, sei es unwahrscheinlich, dass Ötzi diese Sorte beim Trinken aufgenommen habe. Vermutlich hatte er einen Vorrat für den Notfall dabei.
James Dickson (University of St. Andrews, Schottland) et al.: Vegetation History and Archaeobotany, DOI 10.1007/s00334-007-0141-7

Ute Kehse


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