Ruhe nach dem Sturm

Der massive Ausbruch des Vulkans Toba auf der indonesischen Insel Sumatra vor 74.000 Jahren hat das Leben der damaligen Bevölkerung weniger stark beeinflusst als bisher angenommen. Ein internationales Archäologenteam hat in den Schichten unterhalb und oberhalb der von dem Ausbruch stammenden Asche dieselbe Art von Steinwerkzeugen gefunden. Aus diesen Funden schließen die Forscher um Michael Petraglia, dass der gleiche Volksstamm vor, während und nach dem Ausbruch in diesem Gebiet gelebt hat und nicht durch die gigantische Aschewolke ausgelöscht wurde.
Der letzte Ausbruch des Vulkans Toba gilt als einer der weltweit stärksten bekannten Vulkanausbrüche der vergangenen zwei Millionen Jahre. Innerhalb von 14 Tagen wurden dabei über 2.800 Kubikkilometer an Material an die Erdoberfläche befördert, davon bildeten mindestens 800 Kubikkilometer eine Aschewolke, die eine Fläche von vier Millionen Quadratkilometern bedeckte. Einer Theorie des amerikanischen Anthropologen Stanley Ambrose zufolge soll der Ausbruch zu einer Abkühlung des Weltklimas und einer deutlichen Reduzierung der Population von modernen Menschen geführt haben ( Journal of Human Evolution, Bd. 34, Nr. 6, 1998, S. 623).

Die Archäologen fanden die Steinwerkzeuge bei Ausgrabungen in Jwalapuram in Südindien. Sie verglichen ihre Funde mit Werkzeugen aus verschiedenen Zeitabschnitten, die in Afrika entdeckt worden waren. Dabei wiesen Gegenstände mit einem Alter von etwa 100.000 Jahren die größten Übereinstimmungen mit den Fundstücken aus Indien auf. Forscher gehen davon aus, dass schon zu dieser Zeit moderne Menschen in Afrika gelebt haben. Von Werkzeugen aus Europa, die den Neandertalern zugeschrieben werden, unterscheiden sich die indischen Fundstücke hingegen stark. Die damaligen Bewohner von Jwalapuram waren deshalb vermutlich ebenfalls moderne Menschen, schließt das Archäologenteam aus diesen Vergleichen. Dies würde bedeuten, dass der moderne Mensch schon früher als bislang gedacht Indien erreicht hatte, erklärt Petraglia.

Stanley Ambose hält diese Theorie allerdings für reine Spekulation und erklärt, dass die Menge der Fundstücke zu gering für einen echten Vergleich mit anderen Werkzeugen sei. Außerdem könne man Steinwerkzeuge nicht dazu benutzen, um zwischen Neandertalern und modernen Menschen zu unterscheiden. Um eindeutig klären zu können, ob die Bewohner von Jwalapuram vor und nach dem Vulkanausbruchs jeweils Neandertaler oder moderne Menschen waren, oder ob vor und nach dem Ausbruch verschiedene Volksstämme in diesem Gebiet gelebt haben, müssten die Forscher menschliche Schädel in den unterschiedlichen Schichten finden.
Nature Onlinedienst (DOI: 10.1038/news070702-15).

Originalarbeit: Michael Petraglia (Universität in Cambridge) et al.: Science (Bd. 317, S. 114)

ddp/wissenschaft.de ? Tobias Becker


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