Wo Bierbrauen Frauensache war

Nur ausgewählten edlen Frauen aus dem südamerikanischen Volk der Wari war vor über 1.000 Jahren die Herstellung von Bier erlaubt. Zu diesem Schluss gelangen amerikanische Archäologen durch ihre Forschungsarbeit in einer Ruinenstadt auf dem Tafelberg Cerro Baúl im südlichen Peru. In den Überresten einer riesigen Brauerei fanden sie zahlreiche elegante Metallnadeln für Umschlagtücher, die auf den Wohlstand der Bierbrauerinnen hindeuten. Die Wari gaben die Bergsiedlung aus unbekannten Gründen vor etwa 1.000 Jahren plötzlich auf. Ihr Abzug lief allerdings nach einem genauen Plan ab, zu dem Bierbrauen, Fest- und Trinkgelage, das Zertrümmern von Gefäßen und das Niederbrennen von Gebäuden zählte.
Mit einer Kapazität von 1.800 Litern war die Brauerei auf dem Cerro Baúl eine der größten, die in der Vor-Inka-Zeit in Amerika existiert hatten. Für ihren Betrieb waren allein Frauen aus der obersten Gesellschaftsschicht zuständig ? eine Tradition, die später von den Inkas fortgeführt wurde. Für die Herstellung des Biers verwendeten die Wari Mais und die Samen des Peruanischen Pfefferbaumes. Das produzierte alkoholische Getränk hieß chicha und spielte eine bedeutende Rolle im Kulturleben des Volkes. Außerdem war es wichtiger Bestandteil der ausgeklügelten Zeremonien, mit denen die Wari den Abzug aus ihrer Berg-Enklave zelebrierten, glauben die Forscher.

Zunächst stellten die vornehmen Bierbrauerinnen große Mengen an chicha her, das dann Mitgliedern aus der oberen Gesellschaft in kunstvollen Tongefäßen während eines üppigen Festmahles serviert wurde. Auf dem Speiseplan standen unter anderem Hirsch, Lama und sieben verschiedene Arten von Meeresfischen. Andere Tiere wie Kondor oder Zwergeule dienten als Opfertiere, vermuten die Archäologen. Im Anschluss an das Festgelage zertrümmerten die Wari das Essgeschirr und ihre Trinkgefäße. Zum Schluss steckten sie mehrere Gebäude der Siedlung in Brand, darunter die Brauerei und verschiedene Paläste und Tempel.

Die Wari beherrschten vor den Inkas einen großen Teil des heutigen Peru. Weiter südlich im heutigen Bolivien regierte ein anderes Volk, die Tiwanaku. In direkten Kontakt kamen die beiden Völker erst im Jahre 600, als die Wari auf dem Cerro Baúl und zwei benachbarten Hügeln die südlichste Kolonie ihres Imperiums errichteten. Überall sonst waren die beiden Reiche durch breite Pufferzonen voneinander getrennt. In der Gründung der Siedlung auf dem Cerro Baúl vermuten die Archäologen eine Machtdemonstration der Wari gegenüber den Tiwanaku. Sie halten die Stadt für den ersten bekannten diplomatischen Außenposten zwischen Andenstaaten. Als die Wari ihre Kolonie nach 400 Jahren aufgaben, begann ihr Imperium und auch das der Tiwanaku gerade zu zerfallen ? warum, wissen die Archäologen bislang nicht.
Michael Moseley ( Universität von Florida) et al.: PNAS (Online-Vorabveröffentlichung: doi/10.1073/pnas.0508673102).

ddp/wissenschaft.de ? Martina Feichter


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