Clevere Wüstennomaden lebten vor 7.000 Jahren auf der arabischen Halbinsel

Auf einem steinzeitlichen Friedhof im Emirat Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten haben Tübinger Archäologen Hinweise auf das Leben von Wüstennomaden vor rund 7000 Jahren untersucht. Das Ungewöhnliche an diesem Wüstenvolk war, dass es offenbar überhaupt keinen sesshaften Bevölkerungsanteil hatte und dass es offenbar schon über erstaunliche technische Kenntnisse verfügte.
Hans-Peter Uerpmann vom Institut für Ur- und Frühgeschichte des Mittelalters der Universität Tübingen und sein Team haben mittlerweile schon ihre 6. Grabungskampagne beendet und können jetzt schon ein recht genaues Bild vom Leben der Wüstennomaden vor 7000 Jahren zeichnen. Am Fuße des Jebel-al-Buhais hatten die Nomaden offenbar ihre Toten bestattet.

Vermutlich haben sie auch jene Toten dort bestattet, die irgendwo anders gestorben waren, denn es fanden sich so genannte Sekundärbestattungen: Viele Gräber enthielten Knochenbündel, auf denen der Schädel beigesetzt war. "Das ist keine anatomische Anordnung, es ist davon auszugehen, dass die Knochen als Bündel hergeschafft worden sind. Diese Menschen sind also an anderer Stelle gestorben und dort verwest, bevor ihre Knochen zum Jebel al-Buhais gebracht und dort endgültig bestattet worden sind", erläutert der Tübinger Archäologe.

Dass sich der Friedhof auf bergigem Gelände befindet und nicht in der Wüste, ist für die Archäologen ein Glücksfall. "Wüstenboden ist für organische Reste wie Knochen sehr ungünstig. Von unten steigt auch dort ständig Feuchtigkeit nach oben, die den Knochen angreift. Von den wenigen Pflanzen werden das Wasser und die Knochenmineralien begierig aufgesogen", so Uerpmann. An der Grabungsstelle war die Bodenchemie zugunsten der Knochen verändert, und so konnten die Überreste der Menschen auch über 7000 Jahre erhalten bleiben. Etwa 350 mehr oder weniger vollständige Skelette haben die Tübinger Archäologen inzwischen geborgen.

Die Skelette geben Aufschluss über die Lebensweise und den Kenntnisstand der Steinzeit-Nomaden. So fanden die Forscher unter den Skeletten einen Schädel mit Zeichen einer so genannten Trepanation, einer Schädelöffnung am lebenden Menschen. Vermutlich haben die Steinzeit-Nomaden versucht, mit der Öffnung der Schädeldecke geistige Erkrankungen zu behandeln.

Um den Friedhof herum haben die Archäologen über hundert Feuerstellen entdeckt, die sich zum Teil auch überlagerten. In der Nähe fanden sich auch tierische Reste von Mahlzeiten. Wieweit die Menschen damals auch pflanzliche Nahrung zu sich nahmen, konnten die Archäologen noch nicht klären, da bisher keine Körner oder Früchte in der Asche der Feuerstellen gefunden wurden.

Reine Fleischesser seien sie nach Meinung von Uerpmann aber nicht gewesen, da zumindest ein geringer pflanzlicher Nahrungsteil bei Menschen verschiedener Kulturen immer dabei sei. Milch haben sie vermutlich nur von Ziegen und Schafen, nicht aber von Rindern getrunken. Darauf lassen die Altersprofile der gefundenen Tierknochen schließen: "Wenn man Tiere melken möchte, lässt man sie acht bis zehn Jahre alt werden, so dass sie im Lauf ihres Lebens mehrere Junge bekommen."

Überraschend war für die Archäologen, dass die frühen Menschen vom Jebel-al-Buhais offenbar ausschließlich Nomaden waren. "Die Einschätzung, dass es ohne einen Anteil sesshafter Menschen kein Nomadentum geben könne, geht schon auf die Bibel zurück. Sie wurde von vielen renommierten Forschern geteilt. Bei dem Friedhof jedoch war weit und breit kein Dorf oder Anzeichen von Architektur zu finden."

Lediglich einige undeutliche Pfostengruben wurden vielleicht für Zelte oder für den Sonnenschutz verwendet. Ein weiterer Hinweis auf die nomadische Lebensweise war der Schmuck, der bei vielen Toten als Grabbeigabe lag: Die weißen Korallen, Austernperlen, Schnecken und Muscheln stammten eindeutig aus dem rund rund 60 Kilometer entfernten Meer. Die Menschen können diese Schmuckstücke rein theoretisch auch durch Handel erworben haben, doch Uerpmann hält die nomadische Lebensweise für eine plausiblere Begründung, weil auch die anderen Zeichen der Lebensweise darauf hindeuten.

Sharjah gehört zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, bildet jedoch ein eigenes Emirat, das vom Scheich Sultan bin Muhammad al Qasimi beherrscht wird. Bereits 1995 wurden dort am Fuße des Jebel-al-Buhais, eines Bergzugs zwischen dem Persisch-Arabischen Golf und dem Golf von Oman, zahlreiche menschliche Skelette aus der Steinzeit gefunden. Da das kleine Emirat keine ausgebildeten Archäologen für Grabungen nach steinzeitlichen Spuren hat, beauftragte der Scheich die Tübinger den Archäologen mit den Grabungen, die er auch finanziell unterstützt.

Doris Marszk


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