Inuit: Walfleisch schon vor 4000 Jahren

Zerlegen eines toten Wals durch heutige Inuit (Foto: US Fish and Wildlife Service)

Gängiger Lehrmeinung nach entwickelten die grönländischen Inuit erst vor rund 800 Jahren die Fertigkeiten und Werkzeuge, um Wale zu jagen. Doch eine Analyse prähistorischer Abfallhaufen in vier grönländischen Siedlungen belehrt uns nun eines Besseren: Schon die erste Inuit-Kultur der Insel hatte demnach reichlich Walfleisch auf ihrem Speiseplan – und das bereits vor 4000 Jahren. Ob die Inuit damals die Wale selbst jagten oder nur gestrandete Tiere ausweideten, ist allerdings weniger klar.

So riesig Grönland auch ist, so karg und lebensfeindlich sind weite Teile dieser arktischen Insel. Dennoch haben es im Laufe der Jahrtausende immer wieder Menschen geschafft, sich auf Grönland anzusiedeln. Nach bisheriger Kenntnis begann die Kolonisierung der Insel etwa um 2500 vor Christus mit Inuit der Saqqaq-Kultur, die um 800 vor Christus von Dorset-Kultur abgelöst wurden. Ab 985 nach Christus siedelten sich die ersten Wikinger auf Grönland an. Ihnen folgten um das Jahr 1200 die neuzeitlichen Inuit, die bis heute die größte Gruppe der Inselbewohner bilden. Wie es diese verschiedenen Kulturen schafften, unter den widrigen Umständen Grönlands zu überleben, lässt sich jedoch nur zum Teil an archäologischen Überresten ablesen. Die meisten Hinweise liefern die Müllhalden von einstigen Siedlungen, denn vor allem die darin enthaltenen Pflanzenreste und Tierknochen verraten, wovon sich die Menschen damals ernährten. Allerdings sind in diesen Halden auffällig wenig Knochen von größeren Säugetieren wie Walen, Walrossen oder Karibus zu finden, weil Fleisch und Fett dieser Tiere oft gewonnen wurde, ohne die gesamten Kadaver in die Siedlung zu transportieren. Deshalb herrscht bis heute Unklarheit darüber, wie hoch der Anteil dieser Tiere im Speiseplan der frühen Grönländer war – und wann sie mit dem Walfang begannen.

Neue Einblicke in die Lebensweise und den Speiseplan der grönländischen Ureinwohner haben nun Frederik Valeur Seersholm von der Universität Kopenhagen und seine Kollegen gewonnen.  Ihre Studie beruht nicht auf archäologischen Funden, sondern auf der Analyse von Erbgut, das in den Ablagerungen der historischen Abfallhaufen erhalten blieb. "Diese DNA kann von einer großen Spannbreite organischer Quellen stammen, darunter Haut, Fleisch, Kot, Urin oder Haaren", erklären die Forscher. "Das erlaubte es uns, die Diversität von Fauna und Flora in vier historischen Müllhalden zu charakterisieren." Die Proben stammen aus den von frühen Inuit der Dorset und Saqqaq-Kultur bewohnten Siedlungen Qajaa und Qeqertasussuk, aus dem von Wikingern gegründeten Ort Sandnes und der von neuzeitlichen Inuit bewohnten Siedlung Fladestrand.

In den Proben fanden die Forscher DNA-Spuren von 23 verschiedenen Wirbeltierarten. In der jüngsten Siedlung, Fladestrand, stammten diese Überreste vorwiegend von Hunden oder Wölfen, außerdem von Seerobben, Narwalen, Karibus und Hasen. Dies spiegelt die bis heute übliche Haltung von Schlittenhunden wider, außerdem die wichtige Rolle der Jagd. Deutlich anders dagegen waren die Funde in der Wikinger-Siedlung Sandnes: Hier machten Nutztiere wie Kühe, Schafe und Ziegen den Hauptteil der tierischen Überreste aus. "Darin zeigt sich der klare Unterschied in der Wirtschaftsweise der Wikinger zu den vorher und nachher auf Grönland lebenden Inuit", sagen Seersholm und seine Kollegen.

Wal-Überreste schon vor 4000 Jahren

Überraschend aber waren die Funde in den beiden prähistorischen Inuit-Siedlungen: In beiden wiesen die Forscher neben Robben auch zahlreiche DNA-Spuren von Grönlandwalen (Baleana mysticus) nach. Bei der vor rund 4000 Jahren verbreiteten Saqqaq-Kultur machten diese Wale sogar bis zu 50 Prozent aller tierische Überreste aus, wie die Wissenschaftler berichten. Das aber bedeutet, dass die Bewohner Grönlands sehr viel früher mit dem Walfang begonnen haben könnten als bislang angenommen. "Die Belege für eine Ausbeutung von Walen als Ressource durch die Saqqaq macht es nötig, die maritime Geschichte neu zu überdenken", konstatieren die Forscher. Gängiger Lehrmeinung nach brachten erst die neuzeitlichen Thule-Inuit vor rund 800 Jahren die Fertigkeiten und Werkzeuge mit, die einen Walfang in größerem Stil ermöglichten.

"Doch die Relikte von Walprodukten aus einer Zeit Tausende von Jahren vor den Thule-Walfängern verschieben den Beginn für die Nutzung dieser Ressource weit in die Vergangenheit", so Seersholm und seine Kollegen. Möglicherweise reichten selbst die kleineren Harpunen der Saqqaq-Inuit schon aus, um die Wale zumindest soweit zu verletzen, dass sie wenig später strandeten. Alternativ könnten auch auf natürliche Weise gestrandete Wale von ihnen systematisch gesucht und ausgeweidet worden sein. "Wir sollten nicht überrascht sein, wenn auch andere frühe Kulturen wie die Bewohner der Kodiak-Inseln, die japanischen Jomon und andere Völker der nordpazifischen Küsten Wege gefunden haben, um Walprodukte lange vor Beginn des großangelegten Walfangs zu nutzen", meinen die Wissenschaftler. Klar scheint in jedem Falle, dass die in prähistorischen Mülldeponien gefundenen Tierknochen nur bedingt den wahren Speiseplan der früheren Nutzer widerspiegeln.

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