Blick ins Erbgut ägyptischer Mumien

Mumien-Sarkophag aus Abusir-el-Meleq (Foto: bpk/Aegyptisches Museum und Papyrussammlung, SMB/Sandra Steiss )

Bisher galt es als nahezu unmöglich, das Erbgut von jahrtausendealten ägyptischen Mumien in größerem Umfang und zuverlässig zu erfassen. Jetzt jedoch haben Forscher hierbei einen Durchbruch erzielt. Dank moderner Analysemethoden sequenzierten sie die DNA von 90 Mumien aus dem Neuen Reich bis zur Spätantike. Dabei zeigte sich: Obwohl Ägypten zu dieser Zeit mehrfach von fremden Völkern besetzt wurde, hinterließ dies genetisch kaum Spuren. Überraschend auch: Moderne Ägypter unterscheiden sich genetisch deutlich von ihren Vorfahren.

Mumien haben schon einige spannende Einblicke in das Leben im alten Ägypten geliefert. Sie verraten beispielsweise, dass die damaligen Eliten teilweiser bereits in jungen Jahren unter Arterienverkalkung litten und auch sonst nicht gerade gesund lebten. Zudem halfen Mumienuntersuchungen auch schon dabei, historische Mordfälle wie den an Pharao Ramses III. aufzuklären. Eines jedoch ist bisher nur in extrem seltenen Fällen gelungen: Das Erbgut der Mumien wieder lesbar zu machen. Zwar gibt es einige Analysen, die beispielsweise die Verwandtschaftsverhältnisse berühmter Königsmumien beleuchten konnten. Ihre Aussagekraft ist jedoch teilweise umstritten. "Das heiße ägyptische Klima, die hohe Feuchtigkeit in vielen Gräbern und einige der bei der Mumifizierung eingesetzten Chemikalien tragen zur DNA-Degradation bei und machen daher die langfristige Erhaltung des Erbguts von ägyptischen Mumien unwahrscheinlich", erklärt Seniorautor Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Inzwischen jedoch ist die Technologie für die DNA-Sequenzierung und die gezielte Vermehrung und Rekombination selbst kleinster Erbgutschnipsel so weit fortgeschritten, dass Krause und sein Team einen großangelegten Analyseversuch wagten.

Eroberer hinterließen kaum genetische Spuren

Für ihre Studie sammelten die Forscher Proben von 151 Mumien aus Abusir el-Meleq in Mittelägypten. Dieser Ort galt als wichtiges Zentrum für den Kult des ägyptischen Totengotts Osiris. "Das machte ihn jahrhundertelang zu einem attraktiven Begräbnisplatz", so die Forscher. Die untersuchten Mumien waren im Zeitraum von 1388 vor Christus bis rund 426 nach Christus in Abusir el-Meleq bestattet worden. Die ältesten von ihnen stammen damit aus dem Neuen Reich und der Spätzeit des alten Ägypten, einige sind aus der Zeit der Ptolemäer und die jüngsten wurden während der römischen Besatzung Ägyptens mumifiziert. Das bedeutet, dass diese Mumien aus einer Ära stammen, in der Ägypten ständig aufs Neue von fremden Völkern dominiert, besetzt oder beherrscht wurde, wie die Forscher erklären. "Wir wollten testen, ob die Eroberung durch Alexander den Großen und andere fremde Mächte einen genetischen Abdruck im Erbgut der altägyptischen Population hinterlassen hat", erklärt Verena Schuenemann von der Universität Tübingen.

Den Wissenschaftlern gelang es bei 90 der 151 Mumien, die mitochondriale DNA zu gewinnen und zu analysieren. Dieser Teil des Erbguts liegt nicht im Zellkern, sondern in den Mitochondrien, den "Kraftwerken der Zelle" und ist oft besser erhalten als die Kern-DNA. Bei drei männlichen Mumien konnten sie zudem das gesamte Erbgut sequenzieren. Dadurch wurde es möglich, erstmals das Erbgut von Ägyptern aus dieser Zeit mit dem moderner Ägypter aber auch dem von Nachbarvölkern zu vergleichen. Das überraschende Ergebnis: "Die Genetik der Bewohner von Abusir el-Meleq hat während der von uns untersuchten Zeitspanne von 1300 Jahren kaum größere Veränderungen durchlebt", berichtet Koautor Wolfgang Haak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. "Das spricht dafür, dass die Population von fremder Eroberung und Herrschaft genetisch kaum beeinflusst wurde." Obwohl sich beispielsweise viele römische Veteranen in der Region niederließen, hatten sie offenbar kaum einheimischen Frauen. Stattdessen könnten die Römer gezielt nur unter sich geheiratet haben, um auch ihren Kindern den Status als römische Bürger zu sichern, mutmaßen die Forscher.

Klare Unterschiede zwischen alten und modernen Ägyptern

Die DNA der Mumien verrät auch, dass die alten Ägypter die meisten ihrer genetischen Merkmale mit den heutigen Bewohnern des Nahen Ostens und Europas teilen. Sie sind demnach eng mit den Menschen in der Levante, aber auch den Populationen aus Anatolien und dem restlichen Mittelmeerraum verwandt – enger sogar als die modernen Ägypter. Denn diese tragen heute rund acht Prozent mehr Erbgut von schwarzafrikanischen Populationen in sich als ihre Vorfahren, wie die Wissenschaftler feststellten. "Das deutet darauf hin, dass es in den letzten rund 1500 Jahren eine Zunahme des Genflusses aus dem subsaharischen Afrika nach Ägypten gegeben hat", sagt Haaks Kollege Steffen Schiffels. Mögliche Gründe dafür könnte eine verstärkte Einwanderung von Menschen aus den nilaufwärts liegenden Regionen gewesen sein, aber auch ein vermehrter Fernhandel zwischen dem südlichen Afrika und Ägypten, mutmaßen die Forscher. Ein weiterer wichtiger Faktor war wahrscheinlich der Sklavenhandel, der vor rund 1300 Jahren begann. In seinem Verlauf wurden schätzungsweise sechs bis sieben Millionen Sklaven aus dem Afrika südlich der Sahara nach Nordafrika verschleppt, wie die Wissenschaftler berichten.

"Diese Studie belegt, dass altägyptische Mumien durchaus eine Quelle genetischer Daten zur menschlichen Geschichte sein können", betonen die Forscher. "Die bisherigen Befürchtungen, dass Klima und Mumifizierung per se eine Erhaltung der DNA verhindern, können wir damit widerlegen." Dank moderner Sequenzierungstechnologien könnte die DNA-Analyse von Mumien künftig die Möglichkeit schaffen, die Geschichte des alten Ägypten auch auf genetischer Ebene zu entschlüsseln, so das Fazit von Krause und seinen Kollegen.

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