Steinzeitlicher Schädelkult

Steinfiguren aus Göbekli Tepe, die einen abgetrennten Kopf zu tragen scheinen (Foto: Dieter Johannes and Klaus Schmidt, Göbekli Tepe Archiv, DAI)
Schädelfragmente mit Bearbeitungsspuren (Foto: Julia Gresky/ DAI)

Die Steinkreise von Göbekli Tepe in Anatolien bilden das älteste bekannte Monument der Menschheit. Schon länger vermuten Archäologen, dass dieser Ort als Heiligtum und Ritualort diente. Jetzt haben Forscher in Göbekli Tepe erstmals Hinweise auf einen steinzeitlichen Schädelkult entdeckt. Demnach scheinen die Menschen dort die Schädel ihrerToten freipräpariert und bearbeitet zu haben. Welchem rituellen Zweck diese Praktiken vor gut 10.000 Jahren dienten, ist jedoch noch unbekannt.

Anatolien gilt heute nicht gerade als Nabel der Welt. Im zentralen Teil der Türkei gibt es kaum größere Städte, die Landschaft ist geprägt von eher trockenen Hochebenen und Steppenlandschaft und Gebirgen. Nach und nach aber haben Ausgrabungen in Kleinasien enthüllt, dass sich gerade in Anatolien entscheidende Schritte unserer frühen Geschichte abgespielt haben. Denn hier schufen Menschen schon in der Steinzeit gewaltige Monumente, die allem Vergleichbaren um Jahrtausende voraus waren. In Göbekli Tepe, dem "bauchigen Hügel" in Südostanatolien, ragen beispielsweise zehn Tonnen schwere, mit zahlreichen Tierfiguren verzierte Steinpfeiler mehr als sieben Meter in die Höhe. Zusammen mit ringförmigen Geröllmauern bilden sie insgesamt 20 Steinkreise - errichtet bereits vor 10.000 bis 12.000 Jahren - so alt ist kein anderes bisher bekanntes Steinzeit-Monument. Wozu die Steinkreise von Göbekli Tepe einst dienten, ist noch nicht eindeutig geklärt. Archäologen vermuten aber, dass die Steinzeitmenschen hier wahrscheinlich Rituale und Feste feierten – davon zeugen unter anderem große Mengen an Tierknochen zwischen den Pfeilern.

Verräterische Gravuren

Eine spannende Entdeckung wirft jetzt mehr Licht auf die Rituale und Glaubenswelt der Erbauer von Göbekli Tepe. Julia Gresky und ihre Kollegen vom Deutschen Archäologischen Institut haben in den Überresten des Stein-Monuments die Fragmente von drei menschlichen Schädeln gefunden, die außergewöhnliche Bearbeitungsspuren tragen. Alle drei Schädel weisen tiefe Schnitte entlang der Mittelachse des Kopfes auf, ein Schädelfragment wurde zudem durchbohrt. "Diese Modifikationen wurden alle wahrscheinlich kurz nach dem Tod dieser Menschen durchgeführt", berichten die Archäologen. Die Tiefe und Form der Einschnitte spreche dagegen, dass es sich hier um zufällige oder versehentliche Bearbeitungsspuren handele. Auch ein Skalpieren als Ursache dieser Spuren schließen Gresky und ihre Kollegen aus. Dies hätte andere Schnittspuren hinterlassen, wie sie erklären. "Diese Ritzungen sind nicht mit einem Entbeinen oder Skalpieren verknüpft", so die Forscher. "Allerdings deuten andere, flachere Einschnitte an den Schädeln daraufhin, dass sie gereinigt und vom Fleisch befreit wurden."

"Diese Funde sind herausragend, denn sie liefern die allerersten osteologischen Beweise für eine nachträgliche Bearbeitung von Toten in Göbekli Tepe", konstatieren Gresky und ihre Kollegen. Schon vor mehr als 10.000 Jahren gab dort demnach wahrscheinlich spezielle Totenrituale. Dass die drei Schädel kein Einzelfall waren, dafür sprechen weitere Schädelfunde in Göbekli Tepe. Sie tragen zwar keine bewusst angebrachten Gravuren, dafür aber Indizien dafür, dass die Köpfe der Toten abgetrennt und die Schädel gezielt freipräpariert wurden. Von den insgesamt 408 im Steinzeit-Monument entdeckten Schädelfragmenten tragen 40 die typischen Schnittspuren des Entbeinens, wie die Archäologen feststellten. Ihrer Ansicht nach deutet dies darauf hin, dass die Menschen von Göbekli Tepe den Schädeln eine besondere Bedeutung zusprachen.

Schädelkult für die Ahnen?

Die neuen Funde in Göbekli Tepe könnten ein Hinweis darauf sein, dass es in diesem Steinzeit-Heiligtum schon vor gut 10.000 Jahren einen echten Schädelkult gab. Wie die Archäologen erklären, wurden in Südostanatolien und der Levante schon häufiger archäologische Funde gemacht, die auf eine besondere Bedeutung des Schädels in den Kulturen der Jungsteinzeit vor 9600 bis 7000 Jahren hindeuten. Darunter sind eine Art "Schädeldepot", aber auch mit Lehm nachmodellierte und verzierte Schädel. Es ist daher durchaus naheliegend, dass es auch in Göbekli Tepe eine solchen Schädelkult gab. Die Tatsache, dass es sich bei dieser Anlage wahrscheinlich um ein Heiligtum und einen Ritualort der Steinzeitmenschen handelte, stütze diese Interpretation, so die Forscher. Ein weiteres Indiz für einen solchen Kult könnten einige der Reliefs auf den Steinsäulen von Göbekli Tepe liefern. Denn auf ihnen sind relativ häufig Menschenfiguren mit abgetrennten Köpfen zu sehen und auch Raubtiere, die abgetrennte menschliche Köpfe halten. "Ein bemerkenswerter Fund ist eine als 'Gabenbringer' bekannte Kalksteinstatue: Eine kniende Figur trägt einen menschlichen Kopf in ihren Händen, die Augen und Nase des Kopfes sind noch gut erkennbar", berichten Gresky und ihre Kollegen.

Doch was versprachen sich die Menschen von Göbekli Tepe von ihrem Schädelkult? Welchem Zweck diente die Verzierung und Bearbeitung der Schädel? Wie die Archäologen erklären, wären zwei Erklärungen denkbar. Zum einen könnte dies Teil eines Ahnenkults gewesen sein: Die Schädel der Toten wurden als Zeichen der Verehrung verziert und ausgestellt. Bearbeitungsspuren wie Bohrlöcher könnten dann zur besseren Befestigung der Schädel angebracht worden sein. Zum anderen könnte es sich um eine nachträgliche "Bestrafung" von besiegten Feinden handeln. In einigen anderen jungsteinzeitlichen Fundstellen haben Archäologen beispielweise Schädel mit absichtlich verstümmeltem und zerstörtem Gesicht entdeckt, die für eine solche Praxis sprechen. Noch können die Archäologen nur darüber spekulieren, wozu der Schädelkult von Göbekli Tepe diente. Vielleicht werden zukünftige Funde hier mehr Aufschluss geben.

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