Mensch besiedelte Australien doch schon früher

Ausgrabungen am prähistorischen Felsunterstand Madjedbebe in Nordaustralien (Foto: Dominic O'Brien/ Gundjeihmi Aboriginal Corporation)

Wann besiedelten die ersten Menschen Australien? Diese Frage war bisher nur schwer eindeutig zu beantworten. Jetzt liefern in Nordaustralien entdeckte Steinwerkzeuge und andere Spuren menschlicher Präsenz eine neue, überraschende Antwort: Den Datierungen der Funde nach könnte der Homo sapiens schon vor 65.000 Jahren in Australien angekommen sein – rund 10.000 Jahre früher als bisher angenommen. Dies wirft ein neues Licht auch die Frühgeschichte des australischen Kontinents und die Vorfahren der Aborigines.

Australien spielte in der Menschheitsgeschichte eher eine Außenseiterrolle: Während in Afrika, Europa und Asien mehrere Vor- und Frühmenschenarten einander ablösten und teilweise sogar nebeneinander existierten, blieb der australische Kontinent zunächst menschenleer. Erst als die ersten Vertreter des Homo sapiens Afrika verließen und bis nach Südasien und Ozeanien vordrangen, erreichten sie auch diese Landmasse. Wann dies jedoch geschah, ist bis heute umstritten. Die gängigste Theorie geht davon aus, dass die Vorfahren der Aborigines Afrika vor rund 60.000 bis 80.000 Jahren verließen und etwa vor 45.000 Jahren in Australien ankamen. Hinweise darauf liefern archäologische Funde, wie Faustkeile und andere Steinwerkzeuge, die im Westen und Norden Australiens entdeckt wurden. Doch es gibt auch Indizien, die für eine frühere Ankunft der ersten Menschen sprechen. So deuten Genvergleiche darauf hin, dass die Vorfahren der Aborigines schon vor 130.000 Jahren aus Afrika aufbrachen. Im Felsunterstand von Madjedbebe in Nordaustralien haben Archäologen zudem Steinwerkzeuge entdeckt, die bis zu 60.000 Jahre alt sein könnten. Allerdings war ihre Datierung bisher umstritten.

Neue Spuren menschlicher Aktivität

Jetzt werfen weitere Funde aus Madjedbebe ein neues Licht auf die Frühgeschichte der Australier. Chris Clarkson von der University of Queensland in Brisbane und seine Kollegen haben bei Ausgrabungen im Felsunterstand unterhalb des bisherigen Grabungsniveaus eine weitere, noch ältere Schicht entdeckt. In dieser stießen sie auf tausende Fragmente von Faustkeilen und Steinäxten, sowie auf Mahlsteine und große Mengen von Ocker und anderen Pigmenten. Ebenfalls erhalten waren Reste einer Feuerstelle sowie Pflanzenreste und Tierknochen. "Diese Fundschicht repräsentiert die erste Phase der Besiedlung dieses Felsunterstands", berichten die Forscher. Unterhalb dieser Schicht fanden sie nur noch ungestörten, fundfreien Boden. Zudem deutete nichts darauf hin, dass diese Schichtfolge nachträglich verändert worden war.

Doch wie alt war diese neuentdeckte Schicht? Um diese Frage zu beantworten, nutzten die Wissenschaftler die Radiokarbondatierung, um einige Kohlenreste des prähistorischen Lagerfeuers zu datieren. Weil diese Methode jedoch nur organisches Material mit einem Alter von bis zu maximal 45.000 bis 50.000 Jahren datieren kann, ergänzten Clarkson und seine Kollegen sie durch die sogenannte optisch stimulierte Lumineszenz (OSL). Bei dieser werden Quarzkörnchen aus der Fundschicht mit Licht bestrahlt und so angeregt. Sie geben dann im Kristall gespeicherte Energie als Strahlung ab. Die Menge und Art der Strahlung gibt Auskunft darüber, wann die Körnchen zuletzt Tageslicht gesehen haben. Das verrät das Alter der Fundschicht.

Spannende Konsequenzen

Die Datierungen ergaben: Die neuen Funde aus Madjedbebe sind rund 65.000 Jahre alt – und damit deutlich älter als alle bisher bekannten Menschenspuren in Australien. "Dies setzt ein neues Minimalalter für die menschliche Kolonialisierung Australiens und für die Verbreitung des Homo sapiens aus Afrika und über Südasien", konstatieren Clarkson und seine Kollegen. Denn die Menschen, die diese Werkzeuge herstellten, müssen mindestens 10.000 Jahre früher in Australien angekommen sein als nach gängiger Theorie. Dies könnte bedeuten, dass sie auch entsprechend früher aus Afrika aufbrachen. Auf ihrem Weg nach "Down Under" könnten diese Menschen sogar noch einem sehr rätselhaften Vetter des Menschen begegnet sein: dem Homo floresiensis begegnet sein. Diese zwergenhaften "Hobbit-Menschen" lebten bis vor rund 50.000 Jahre auf der indonesischen Insel Flores – und damit in einer Gegend, die auch der Homo sapiens auf seinem Weg nach Australien wahrscheinlich durchquert hat.

Der neue "Zeitplan" könnte auch Konsequenzen für ein weiteres Rätsel der australischen Frühgeschichte haben: das Aussterben der Megafauna. Denn bis vor rund 45.000 Jahren lebten in Australien zahlreiche sehr große Tiere, darunter tonnenschwere Wombats, metergroße Laufvögel und drachenähnliche Warane. Doch sie alle verschwanden relativ abrupt und in den Fossilfunden sind seither so gut wie keine Tiere mit Körpermassen von mehr als 100 Kilogramm zu finden. Bisher wurde die Schuld an diesem Aussterben den neuankommenden Menschen und ihrer intensiven Jagd zugeschrieben.

Doch Clarkson und seine Kollegen halten dies im Licht der neuen Funde für eher unwahrscheinlich. "Man dachte bisher, dass die Menschen ankamen und sie so jagten oder aus ihren Habitaten vertrieben, dass sie ausstarben", erklärt Clarkson. "Aber unsere Daten bestätigen, dass diese Menschen lange vorher ankamen." Das spreche eher für eine Koexistenz als für gnadenlose Ausrottung.

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