Geadelte Eiszeitkunst

Pferdefigur aus der Vogelherd-Höhle. Die knapp fünf Zentimeter lange Figurine wurde vor 40.000 Jahren aus Mammutelfenbein gefertigt. (Foto: MUT / H. Jensen)

Die Venus vom Hohle Fels lässt bitten: Die nach ihrer Entdeckung 2008 durch Alter und Einzigartigkeit geadelte Frauenfigur aus Mammut-Elfenbein steht 2017 erneut im Rampenlicht. Die über 40.000 Jahre alte Prominente gilt als das älteste bekannte figürliche Kunstwerk der Menschheit. Jetzt trägt sie den Titel Unesco-Weltkulturerbe – zusammen mit ihrer ehemaligen Heimstatt und Kollegen wie dem Löwenmenschen vom Hohlenstein-Stadel. Die Unesco hat die Kunst der Eiszeit, ihre Fundstätten in baden-württembergischen Höhlen und deren Umgebung im Juli unter Schutz gestellt.

Das neue Weltkulturerbe-Gebiet zieht sich durch zwei Täler bei Ulm. Im Achtal liegen die Fundstellen Geißenklösterle, Hohle Fels und Sirgenstein, im Lonetal Vogelherd, Hohlenstein-Stadel und Bockstein. Dort haben die Künstler der Altsteinzeit nicht nur Menschen- und Tierfiguren, sondern auch Musikinstrumente hinterlassen. Die acht Flöten, einige aus Mammutelfenbein und andere aus Flügelknochen von Gänsegeier und Singschwan geschnitzt, sind zwischen 35.000 und 40.000 Jahre alt.

Seit über 100 Jahren durchstöbern Archäologen diese Höhlen. Sie legten mit Funden von Kunst, Schmuck, Werkzeugen und Knochen den Blick in die Vergangenheit frei – bis zu den Neandertalern, die das Gebiet vor mehr als 50.000 Jahren nutzten. "Die Arbeiten laufen im Moment im Hinblick auf die Finanzierung auf Sparflamme, was bei einem weltweit so bedeutenden Ausgrabungsgebiet unverständlich ist", sagt Nicholas Conard, Professor für Ältere Urgeschichte an der Universität Tübingen, der die Forschung seit 1996 leitet. "Wir hoffen durch die Entscheidung der Unesco auf mehr Sichtbarkeit und Öffentlichkeit – und in der Folge auf bessere finanzielle Unterstützung."

Die Eiszeit-Venus in Serie

Im Lonetal erkunden die Archäologen neue Grabungsorte. "In der Langmahdhalde haben wir unter einem Felsdach bedeutende Schichten aus dem Zeitabschnitt des Magdalenien gefunden", berichtet Conard. Aufgetaucht sind 15.000 Jahre alte Knochenreste von Jagdtieren und Steinartefakte. "Reste von Feuerstellen, wunderbar intakt", schwärmt Conard.

In der Fetzershaldenhöhle entdeckten die Tübinger einen Hyänenhorst und Steinartefakte. "Außerdem Mammutknochen – geformtes, poliertes Elfenbein, wahrscheinlich aus dem Aurignacien", so der Archäologe, der den frühesten anatomisch modernen Menschen in Europa auf der Spur ist. Für sie muss die Schwäbische Alb ein attraktiver Lebensraum gewesen sein.

Den Hohle Fels, eine Hallenhöhle im Achtal, leuchten die Wissenschaftler gerade aus. "Dort läuft ein Projekt, in dem die Wände auf Malereien und Gravierungen untersucht werden", erzählt Conard. Seine größte Entdeckung, die nur sechs Zentimeter große Venus, lag im Hohle Fels verborgen. 2015 kamen dort zwei neue Fragmente ans Licht, die zusammenpassen und ebenfalls zu einer Frauenfigurine gehören könnten. Die Eiszeit-Venus ist womöglich in Serie gegangen.

Auch andere neue Höhlen-Statuetten sind umwerfend. Ein Fisch, ein Wasservogel und ein Igel haben Gedankengebäude zur Absicht der frühen Künstler ins Wanken gebracht. Die Darstellungen von Mammut, Wisent und Bär wurden lange als Ausdruck von Kraft und Macht gedeutet. Conard: "Wir sehen diese alte Hypothese der starken Tiere heute differenzierter. Grundsätzlich gibt es verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, die aber schwer zu belegen sind. Was in den Tieren auf jeden Fall greifbar wird, ist der unmittelbare Bezug der pleistozänen Jäger und Sammler zu ihrer Umwelt."

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