Ötzi: Es war heimtückischer Mord

Untersuchung der Gletschermumie "Ötzi" aus der Kupferzeit, die dank außergewöhnlicher Umstände bis heute erhalten geblieben ist. (Foto: Südtiroler Archäologiemuseum/EURAC/ Samadelli/Staschitz)
Rekonstruktion des Mannes aus dem Eis. Ötzis Kleidung stammte sowohl von Wildtieren als auch von domestizierten Tieren. (Foto: Südtiroler Archäologiemuseum/Ochsenreiter)

Seit die Mumie von Ötzi, dem Mann aus dem Eis, 1991 entdeckt wurde, wird darüber spekuliert, wie er zu Tode kam. Was haben die Forscher Neues über den Eismann herausgefunden?

Der Wanderer hatte seine Sachen ausgebreitet und in Ruhe eine ordentliche Mahlzeit aus Steinbockfleisch und Einkornbrot zu sich genommen. Der Pfeil, der sich von hinten in seine linke Schulter bohrte, traf den 45-Jährigen völlig überraschend. Der Angreifer hatte den Schuss aus dem Hinterhalt abgegeben – mit der Absicht zu töten.

"Mord aus niederen Motiven", so lautet das Ergebnis der Ermittlung in jenem Todesfall, der sich vor rund 5300 Jahren in den Ötztaler Alpen ereignete. Seit die Mumie von Ötzi, dem Mann aus dem Eis, 1991 in 3200 Meter Höhe am Tisenjoch entdeckt wurde, wird darüber spekuliert, wie er zu Tode kam. 2016 untersuchte der Fallanalytiker Alexander Horn aus München alle Erkenntnisse über das Verbrechen – und kam zu dem Schluss, dass Ötzi aus persönlichen Gründen umgebracht wurde.

Wenige Tage vor seinem Tod war der Mann aus dem Eis offenbar in einen Kampf verwickelt, aus dem er siegreich hervorging: Davon zeugt eine tiefe, bereits verheilende Schnittwunde an seiner rechten Hand, eine typische Abwehrverletzung. Möglicherweise war ihm der unterlegene Kontrahent gefolgt und hatte Rache geübt. "Dieses Verhaltensmuster ist für viele heutige Morde typisch", meint Alexander Horn.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Die Tatortanalyse reiht sich in zahlreiche neue Erkenntnisse ein, die Wissenschaftler in den letzten Jahren dank verbesserter Untersuchungsmethoden über Ötzi gewonnen haben. "Die Mumie ist so gut erhalten, dass sie als Referenzpunkt für viele weitere Studien über die Kupferzeit und darüber hinaus dient", sagt Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung am Forschungszentrum Eurac Research in Bozen.

2016 wies ein internationales Team beispielsweise den Keim Helicobacter pylori in Ötzis Mageninhalt nach. Die Forscher entschlüsselten das Erbgut des Krankheitserregers und fanden heraus, dass es sich um eine Variante handelt, die heute vor allem in Zentralasien im Umlauf ist. Der heute in Europa typische Stamm, der durch Vermischung mit einer afrikanischen Variante entstanden ist, muss sich demnach erst nach Ötzis Tod gebildet haben. Auch die Herkunft des Mannes aus dem Eis haben Forscher inzwischen ermittelt. Die Analyse seines Y-Chromosoms ergab 2012, dass er auf väterlicher Seite genetische Merkmale besaß, die damals weit verbreitet waren, und heute vor allem auf Sardinien vorkommt.

Anfang 2016 wurde eine weitere Studie veröffentlicht, die das mütterliche Erbgut untersucht hatte. Diese genetische Linie war damals wahrscheinlich nur in den Ostalpen verbreitet und ist heute ausgestorben. Beide Ergebnisse sprechen dafür, dass nach Ende der Jungsteinzeit umfangreiche Wanderungsbewegungen in Europa stattfanden, bei denen die ursprünglichen Bevölkerungsgruppen teilweise verdrängt wurden.

Spannend ist auch: Ötzis Kleidung stammte sowohl von Wildtieren wie Bär und Reh als auch von domestizierten Tieren, etwa von Ziege, Schaf und Kuh. Und: Sein Körper war mit insgesamt 61 Tätowierungen übersät, allesamt an Stellen, an denen er vermutlich Schmerzen hatte. Sollten sie die Pein lindern?

"Außerdem litt Ötzi unter Arteriosklerose. Und die Bozener Radiologen haben auch im Bereich des Herzens Verkalkungen gefunden", berichtet Albert Zink. Trotz der heute so gerühmten Steinzeitkost und der aktiven Lebensweise hatte der Mann aus der Kupferzeit also ein stark erhöhtes Herzinfarkt-Risiko. "Wäre er nicht ermordet worden", ist Zink überzeugt, "dann wäre er vielleicht ein paar Jahre später an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall gestorben."

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