Polynesischen Seefahrern auf der Spur

Ein Schildkrötenrelief zeigt die enge Verbindung zu Polynesien (Tim Mackrell, The University of Auckland)

Schon vor tausenden von Jahren besiedelten Menschen die Inselwelt Polynesiens. Mit Hilfe von Holzbooten breiteten sie sich dabei vom Festland und den Philippinen kommend immer weiter nach Osten und Süden aus. Neuseeland erreichten diese frühen Vorfahren der Maori allerdings erst im 13. Jahrhundert nach Christus, wie archäologische Funde nahelegen. Wie die Boote aussahen, mit denen die Polynesier ihre Überseefahrten unternahmen, zeigt nun der Fund eines der bisher vollständigsten Kanus aus dieser Zeit. Gleichzeitig belegt eine zweite Studie, warum die Besiedelung Neuseelands und der Osterinsel erst so spät stattfand: Erst eine Periode ungewöhnlich günstiger Winde ermöglichten es den Polynesiern, vor dem Wind nach Süden und Osten zu segeln.

Mit welchen Kanus die Polynesier die pazifische Inselwelt besiedelten und dabei selbst so weit entfernte Ziele wie die Hawaii und die Osterinsel ansteuerten, ließ sich bisher nur indirekt ermitteln. Denn  Relikte der Kanus aus dieser Zeit gab es so gut wie nicht. Einzige Quelle für Rekonstruktionen waren daher die Beschreibungen und Zeichnungen, die von den Polynesiern selbst überliefert oder von den ersten Europäern in dieser Region angefertigt wurden. Vor allem der Innenaufbau der Bootsrümpfe blieb daher weitgehend im Unklaren, wie Dilys Amanda Jones und ihre Kollegen von der University of Auckland berichten. Ein Fund bei Ausgrabungen am Nordwestlichen Ende der Südinsel Neuseelands hat dies nun geändert. 2012 entdeckten Archäologen hier nahe der Anaweka-Mündung die Überreste eines Bootes, das sich nach Datierungen als Kanu aus dem 14. Jahrhundert erwies. Damit stammt es aus einer Zeit nur wenige Jahrzehnte nach der Kolonisierung Neuseelands durch die Polynesier.

Querrippen und ein Schildkrötenrelief

Wie die Archäologen berichten, handelt sich um das fast vollständige Hinterende eines komplexen und robusten Kanus, das aus einem einzigen Stamm geschnitzt worden war. Das gut sechs Meter lange und 85 Zentimeter breite Teilstück des Bootes endet in einer gebogenen, schmal zulaufenden Spitze. Auf der Außenseite dieses Endstücks entdeckten Johns und ihre Kollegen das geschnitzte Relief einer Schildkröte, von deren Hinterende eine geschweifte Linie ausgeht. Sie könnte eine Schwimmbewegung des Tieres andeuten. Wie die Forscher erklären, sind Schildkrötenmotive in der Maori-Schnitzerei extrem selten. Bei den Polynesiern dagegen hatten Meeresschildkröten ein hohes Ansehen und tauchten häufig in Kunstwerken, Mythen und Ritualen auf. "Es ist daher wahrscheinlich, dass das Schildkrötenmotiv auf die damals noch starken kulturellen Verbindungen Neuseelands mit dem tropischen Ostpolynesien hindeuten", sagen die Wissenschaftler.

Ebenfalls bemerkenswert an dem Kanu ist seine komplexe innere Struktur, wie Johns und ihre Kollegen berichten: Der hohle Rumpf wird innen von vier Querrippen stabilisiert, außerdem zieht sich eine weitere Verstrebung in Längsrichtung am Rumpf entlang. Zahlreiche in Reihen angeordnete Löcher deuten zudem darauf hin, dass einst weitere Bauteile mit dem Rumpf verbunden waren. "Interne Rippen dieser Art sind für neuseeländische Boote unbekannt, wurden aber 1913 von einem britischen Offizier auf den Cook Inseln beschrieben", erklären die Forscher. Auch dies weist ihrer Ansicht nach darauf hin, dass dieses Kanu zwar in Neuseeland gebaut wurde, aber aus der Anfangszeit der Kolonisierung der Insel stammt und daher noch sehr eng mit der polynesischen Tradition verbunden war.

Auf Basis der Fundstücke und der bereits bekannten Überlieferungen konnten die Forscher die ursprüngliche Form des Kanus rekonstruieren. Demnach handelte es sich vermutlich um ein durchaus für weite Seereisen geeignetes Boot. Es besaß ursprünglich zwei Rümpfe aus ausgehöhlten Baumstämmen, die miteinander verbunden waren. Ein Deck aus Planken und sogar ein kleiner Unterstand darauf könnten den Seglern auf den langen Überseefahrten Schutz geboten haben. Ein Segel sorgte für den nötigen Antrieb, denn in der unruhigen, offenen See vor dieser Küste wäre man mit bloßem Paddeln nicht sehr weit gekommen, wie die Archäologen erklären.

Günstige Winde

Warum Neuseeland erst relativ spät von den Polynesiern erreicht wurde, dazu liefert eine zweite Studie von Ian Goodwin von der Macquarie University in Sydney und seinen Kollegen nun Hinweise. Neuseeland fast genau südlich der Cook Inseln, von denen aus die Kolonisierung vermutlich begann. Das aber bedeutet, dass man per Segelboot streckenweise senkrecht zur vorherrschenden Windrichtung segeln muss. Um die Osterinsel von Polynesien aus zu erreichen, muss man sogar gegen den Ostwind segeln – ein enormer technischer und zeitlicher Aufwand. Goodwin und seine Kollegen haben daher anhand von Klimamodellen untersucht,  ob es früher möglicherweise Perioden gab, in denen sich die vorherrschende Windrichtung umkehrte oder zumindest so veränderte, dass ein Segeln vor dem Wind möglich war.

Und tatsächlich: Zwischen 1140 und 1260 sorgte eine Anomalie in der atmosphärischen Zirkulation dieser Region dafür, dass statt der normalerweise  vorherrschenden Ostwinde Südwestwinde dominierten, wie die Forscher berichten. Das öffnete den Polynesiern ein Zeitfenster, in dem zuvor unerreichbare Inseln wie Neuseeland nun plötzlich gut per Segelboot zu erreichen waren. "Unsere rekonstruierten Segelbedingungen zeigen, dass alle während der Kolonisierung Ostpolynesiens genutzten Seerouten auch durch Boote überwunden werden konnten, die nicht gegen den Wind segeln konnten", konstatieren die Forscher. Gleichzeitig erklärt diese Anomalie, warum der Seeverkehr zwischen Polynesien und Neuseeland nach 1300 stark nachließ und wahrscheinlich sogar ganz abbrach: Zu dieser Zeit hatten sich die Windbedingungen wieder normalisiert, so dass den Polynesiern der Weg nach Süden und Osten abgeschnitten war.

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