Kambodschas uralte Mega-City

 Oben die übliche Ansicht - unten die Lidar-Darstellung: Sogar das weltbekannte Angkor Wat beherbergt bisher unbekannte Details und Strukturen, wie die rätselhaften Spiralen im unteren Bereich.
Oben die übliche Ansicht - unten die Lidar-Darstellung: Sogar das weltbekannte Angkor Wat beherbergt bisher unbekannte Details und Strukturen, wie die rätselhaften Spiralen im unteren Bereich.
Der Tempelkomplex Angkor Wat in Kambodscha ist weltbekannt. Umgeben von dichter Vegetation und – in einiger Entfernung – anderen, kleineren Tempeln ragt er wie eine Insel aus dem Urwald. Doch das war nicht immer so, hat ein internationales Forscherteam jetzt entdeckt: Im Mittelalter gehörte Angkor Wat ebenso wie die meisten der rund 1.000 anderen Tempel des Gebietes offenbar zu einem riesigen Stadtkomplex, einer Art frühen Mega-City. Gezeigt haben das Luftaufnahmen mit einem Lidar-System, bei dem mit Hilfe von Laserstrahlen Strukturen im Boden auch durch dichteste Vegetation hindurch sichtbar gemacht werden können. Die Messungen zeigen: Die Stadt dehnte sich auf den gesamten vermessenen 370 Quadrakilometern aus – sie muss im Endeffekt also noch deutlich größer gewesen sein.
Dass es rund um Angkor Wat ursprünglich noch andere Bauwerke und Siedlungen gegeben haben muss, vermuten Archäologen bereits seit langem – nicht zuletzt, weil Inschriften und Bilder in vielen Tempeln darauf hindeuten. Bisher standen sie jedoch vor zwei Problemen, die eine genauere Kartierung dieser Strukturen erschwerten: Zum einen ist die gesamte Gegend von sehr dichtem Urwald bedeckt, und zum anderen bauten die Khmer im Mittelalter ausschließlich religiöse Gebäude aus Stein – für alles andere wurden Holz und Stroh, manchmal Lehm verwendet, was sich nicht erhalten hat. Was geblieben ist, sind lediglich zarte Spuren in der Landschaft, sich interpretieren lassen als Reste von Straßen, Kanälen, Teichen, Felderbegrenzungen und ungewöhnliche Erhebungen, die auf frühere Siedlungen hindeuten.

Einzelne kleine Städte oder ausgedehntes Netzwerk?

Auf den ersten Blick gleichen diese Spuren denen anderer ausgedehnter, aber dünnbesiedelter Städte, wie man sie beispielsweise von den Maya kennt, beschreiben es die Forscher um Damian Evans von der University of Sydney. Ob die Gegend ursprünglich jedoch durchzogen war von vielen kleinen, dichtbesiedelten Stadtzentren rund um die Tempel, zwischen denen sich ein ländliches Hinterland erstreckte, oder ob diese Tempelzentren Teil eines großen Stadtnetzwerks waren, konnte bisher nicht geklärt werden.

Das ist jetzt erstmals möglich – dank der Lidar-Messungen, die von einem Hubschrauber aus durchgeführt wurden. Evans beschreibt seinen ersten Blick auf die dabei aufgenommenen Daten so: "Bisher sammelten sich die Funde langsam und schrittweise an. Was wir aber jetzt mit diesem Instrument haben, ist eher ein Knalleffekt – mit einem Mal haben wir plötzlich das Bild einer ganzen Stadt vor uns." Denn das System ermöglichte es, Bäume und Sträucher auszublenden und ausschließlich die Formationen sichtbar zu machen, die bisher verborgen darunter gelegen hatten. Die Auflösung war dabei so gut, dass sogar Gegenstände und Strukturen von lediglich ein paar Zentimetern Größe zu erkennen waren.

Stadtplanerisch angelegt mit Stadtvierteln und Straßen

Was sich den Forschern zeigte, waren Spuren einer gezielt geplanten städtischen Anlage, die sich über eine unglaublich große Fläche erstreckte und die großen Tempel einschloss. Sie ist charakterisiert durch gitterartig angelegte Strukturen, entweder Kanäle oder Straßen, die das Gebiet in einzelne Stadtviertel oder Besiedlungsblöcke aufteilte. Jeder Block besaß zudem einen Teich, vermutlich als Wasserreservoir, und einen besiedelten Bereich, der heute als Erhebung zu erkennen ist. Einige der offenbar ursprünglich dichter bevölkerten Bezirke, vor allem die rund um die Tempel, waren wohl noch Mauern oder Gräben begrenzt. Diese stammen jedoch mutmaßlich aus einer Zeit, vermutlich dem 9. und 10. Jahrhundert, als die Tempelbezirke noch eigenständige, offene Gebilde waren. Im 11. und 12. Jahrhundert veränderte sich dann das Muster der Besiedlungen, und die städtischen Anlagen begannen, sich über die Grenzen der Tempelbezirke hinaus auszudehnen.

Besonders spannend fanden die Forscher eine Entdeckung, die sie nördlich des zentralen Angkors machten: Auf dem Phnom Kulen-Hügel enthüllten die Lidar-Daten eine zuvor unbekannte Stadtlandschaft, bei der es sich vermutlich um Mahendraparvata handelt – eine Stadt, die angeblich auf den Gründer des Khmer-Reiches zurückgeht und die über 300 Jahre älter ist als Angkor Wat. Zwar war ihre Existenz aus Bildern und Inschriften bekannt, ihre genaue Lage und Ausdehnung allerdings nicht, berichtet das Team.

Entwicklung über 300 Jahre

Spätestens im 13. Jahrhundert hatte sich die Stadtstruktur dann vollends im gesamten untersuchten Gebiet etabliert, schlussfolgern die Forscher. Sie umfasste auch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, das wohl das Überleben der vielen Menschen in einem vom Monsum heimgesuchten Gebiet überhaupt erst ermöglichte: Nur durch ein gutes Wassermanagement gelang es nämlich, die unregelmäßigen Regenfälle auszugleichen und jederzeit genug Wasser für die Bevölkerung bereitzustellen.

Allerdings war das Bewässerungssystem laut den Forschern nicht nur die Lebensader der Stadt, sondern auch ihre Achilles-Ferse – und hat letztendlich wohl zu ihrem Untergang beigetragen. Denn das wachsende Stadtgebiet machte immer größere Reservoirs und ausgekügeltere Transportanlagen nötig, die entsprechend anfällig und irgendwann dann auch nur noch sehr schwer zu erhalten waren. Gleichzeitig rodeten die Menschen immer mehr Wald und benötigten damit eine noch intensivere Bewässerung. Einige Jahrhunderte lang halfen notdürftig ausgeführte Reparaturen und Verbesserungen noch über kurzfristige Trockenzeiten hinweg. Als dann jedoch im 14. und 15. Jahrhundert mehrere, teilweise jahrzehntelange Trockenphasen das Gebiet heimsuchten, hatten die INgenieure dem nichts mehr entgegenzusetzen – und der Niedergang der Angkor-Megacity begann.
Damian Evans (University of Sydney) et al.: PNAS, in press

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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