Woher die Franzosen ihren Wein haben

 Die Weinpresse aus Kalkstein, die im antiken Lattara genutzt wurde, ist der älteste Hinweis auf eine Weinproduktion im Süden Frankreichs. Bild: Michel Py, © l'Unité de Fouilles et de Recherches Archéologiques de Lattes
Die Weinpresse aus Kalkstein, die im antiken Lattara genutzt wurde, ist der älteste Hinweis auf eine Weinproduktion im Süden Frankreichs. Bild: Michel Py, © l'Unité de Fouilles et de Recherches Archéologiques de Lattes
Es ist keine Frage: Heutzutage kommen einige der besten Weine der Welt aus Frankreich. Erfunden haben die Franzosen und ihre Vorfahren den Weinbau jedoch nicht. Woher sie das Wissen um das edle Getränk ursprünglich hatten, haben nun eine alte Weinpresse und mehrere antike Amphoren einem US-Forscherteam verraten: ausgerechnet von der heutigen Konkurrenz, nämlich aus Italien. Zunächst scheinen die Gallier dabei Geschmack an dem fleißig von den Etruskern exportierten Getränk gefunden zu haben – und zwar so sehr, dass sie sich von ihnen bereits im 5. Jahrhundert vor Christus alles über Anbau und Verarbeitung der Trauben beibringen ließen. Der Geschmack war damals allerdings für heutige Gaumen wohl gewöhnungsbedürftig: Der Wein war nicht nur stark geharzt, er enthielt auch Kräuterzusätze wie Rosmarin und Basilikum.
Bereits in der Jungsteinzeit vor ungefähr 9.000 Jahren wussten die Menschen im Nahen Osten, wie man Trauben kultiviert und daraus ein alkoholisches Getränk herstellt. Später breitete sich die Weinkultur dann nach Westen aus – allerdings ist bisher unklar, wie und wann genau. Als wesentlich für die Reise um die Welt gelten unter anderem Handel treibende Seeleute aus Kanaan sowie später die ebenfalls seefahrenden Phönizier und Griechen. Schätzungsweise gegen 800 vor Christus kamen die Etrusker aus Mittelitalien mit den Phöniziern in Kontakt, was sich in ihrer Kultur in einer zunehmenden "Orientalisierung" niederschlug – sie übernahmen beispielsweise bestimmte Metall-, Keramik- und Glasbearbeitungstechniken von dem Handelsvolk. Auch die Weinkultur zog wohl damals in Italien ein, wobei die Etrusker die Form ihrer eigenen Amphoren für die Aufbewahrung des Getränks an die der Phönizier anlehnten.

Auf dem Weg abgesoffen

Solche typisch etruskischen Amphoren wurden später auf vielen gesunkenen Schiffen gefunden, die sich offensichtlich von Italien aus in Richtung Südfrankreich aufgemacht hatten. Die gängige Schlussfolgerung daraus: Die Etrusker exportierten ihren Wein, und die Kelten beziehungsweise Gallier im heutigen Frankreich gehörten zu den dankbaren Abnehmern. Doch wann geschah das? Und wann folgte dann die lokale Weinproduktion in Frankreich?

Um das zu beantworten, unter suchten Patrick McGovern von der University of Pennsylvania und seine Kollegen drei gut erhaltene etruskische Amphoren, die noch Originalrückstände des ursprünglichen Inhalts enthielten, ebenso wie eine alte Presse aus Kalkstein. Die Stücke stammen aus Händlerquartieren in Lattara, einer antiken Hafenstadt an der französischen Mittelmeerküste, deren Lage etwa mit der heutigen Stadt Lattes übereinstimmte. Die Amphoren wurden in den Jahren 500 bis 475 vor Christus hergestellt, die Weinpresse ist etwa auf das Jahr 425 bis 400 vor Christus datiert und damit etwas jünger.

Verräterischer chemischer Fingerabdruck

In allen Amphoren fanden sich Weinsäure und Tartrate, die Salze dieser Säure, berichtet das Team. Diese Moleküle gelten als typisch für europäische Trauben und Wein aus dem Mittelmeerraum und dem Nahen Osten. Gleichzeitig entdeckten die Wissenschaftler Harz aus Kiefern, vermutlich Pinien, und Überreste von Kräutern, darunter Rosmarin, Basilikum und/oder Thymian – Varianten also, die in Mittelitalien heimisch sind. Vermutlich dienten diese Zusätze als Geschmacksträger ebenso wie als Konservierungsmittel und, möglicherweise, sogar zu medizinischen Zwecken, sagen die Forscher. Diese Funde seien daher ein klares Indiz dafür, dass der Wein aus den Amphoren tatsächlich aus Italien stammte und es offenbar ab dem 6. Jahrhundert vor Christus einen regen Import nach Frankreich gab.

Dass bereits kurz darauf die Eigenproduktion des immer beliebter werdenden Getränks an der französischen Mittelmeerküste startete, verrieten Rückstände auf der Kalksteinpresse. Bisher sei unklar gewesen, wofür genau sie verwendet wurde, ob beispielsweise zum Pressen von Öl oder eben für die Weinherstellung, erläutert das Team. Der Stein enthält jedoch ebenso wie die Amphoren Weinsäure und Tartrate, wie die chemischen Analysen zeigten. Zudem entdeckten die Forscher rund um die Fundstelle Tausende von Traubenkernen, -stielen und sogar -schalen, die ebenfalls nahelegen, dass es sich um eine Weinpresse handelte. Wie sie funktionierte, zeigen zeitgenössische Darstellungen auf griechischen Vasen: Die Körbe mit den Trauben wurden oben auf den Stein gestellt und dort gestampft, so dass die Vertiefung im Stein den Saft auffangen und ableiten konnte.

Erst im Mittelalter Klasse statt Masse

Mit der römischen Eroberung verbreitete sich die gallische Weinkultur später dann an Rhone und Rhein entlang ins Innere des Landes und ins restliche Europa. Die Verfeinerung und Veredelung des Getränks, für die Frankreich heute berühmt ist, erfolgte jedoch erst viele Jahrhunderte später. Zusammenfassend könne man sagen, dass der Weinbau eigentlich immer nach dem gleichen Prinzip weitergegeben wurde, kommentiert McGovern: "Erst galt es, die Herrschenden zu verführen, die sich den Import leisten konnten und den Wein öffentlichkeitswirksam konsumierten. Als nächstes wurden dann ausländische Experten angeworben, um Wein vor Ort anzupflanzen und die lokale Verarbeitungsindustrie zu etablieren. Mit der Zeit durchdringt der Wein dann größere Bevölkerungsschichten und wird schließlich ins soziale und religiöse Leben integriert."

Der Wissenschaftler ist zudem überzeugt: Wohin der Wein ging, dorthin folgten auch andere kulturelle Elemente, nicht nur Technologien, sondern auch soziale und religiöse Gewohnheiten. Häufig verdrängte der Traubensaft dabei sogar andere alkoholische Getränke mit einer langen Geschichte. Im Fall der europäischen Kelten war das wohl ein Mischgetränk aus Honig, Weizen oder Gerste und Früchten wie Preiselbeeren oder Äpfeln sowie heimischen Kräutern.
Patrick McGovern (University of Pennsylvania) et al.: PNAS, doi: 10.1073/pnas.121626110

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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