Eine Heimat für Minos Erben

 Wirkt ägyptisch, ist es aber nicht: Fresko am Palast von Knossos auf Kreta. Bild: Thinkstock
Wirkt ägyptisch, ist es aber nicht: Fresko am Palast von Knossos auf Kreta. Bild: Thinkstock
Sie gründeten die erste und früheste europäische Hochkultur – vor etwa 5.000 Jahren: die Minoer, benannt nach dem legendären König Minos von Kreta. Doch wo kamen sie eigentlich her? Schon früh waren viele Archäologen überzeugt: Sie müssen aus Nordafrika gestammt haben, schließlich waren dort zur gleichen Zeit die Ägypter bereits weit entwickelt, und auch im heutigen Libyen gab es fortgeschrittene Kulturen. Spätere Untersuchungen warfen jedoch Zweifel daran auf und legten mal diese, mal jene Herkunft der Minoer nahe. Ein amerikanisch-griechisches Forscherteam hat jetzt erneut DNA aus Knochen aus der minoischen Zeit analysiert – und kommt zu dem klaren Ergebnis: Wo auch immer die Heimat der Vorfahren der Minoer war – in Afrika lag sie definitiv nicht.
Die ersten Menschen erreichten Kreta vor etwa 9.000 Jahren – ungefähr zu der Zeit, als sich im Nahen Osten die Landwirtschaft entwickelte und nach Europa getragen wurde. Sie begründeten später, in der frühen Bronzezeit, die minoische Hochkultur. Der britische Archäologe Arthur Evans, Entdecker des Palasts von Knossos auf Kreta, war ebenso wie einige seiner Kollegen überzeugt, dass diese Menschen ursprünglich Flüchtlinge aus dem Norden Ägyptens waren. Sie hätten von dort fliehen müssen, als einer der südlichen Könige vor mehr als 5.000 Jahren das Land eroberte, so seine Vorstellung.

Ähnlichkeiten zur ägyptischen Kultur

Natürlich sind viele Untersuchungen zur Herkunft der Minoer gemacht worden, seitdem Evans diese These zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufstellte. Vieles kann man tatsächlich als Beleg für eine nordafrikanische Herkunft interpretieren – etwa große Übereinstimmungen bei Begräbnisriten und Schmuck- oder Kunstgegenständen aus Kreta mit denen aus Ägypten und Libyen. Allerdings gibt es auch Daten, die in die entgegengesetzte Richtung weisen. So deuteten die bisherigen Erbgutanalysen eher nicht auf Nordafrika hin. Sie sind jedoch so widersprüchlich, dass auch keine andere Theorie zweifelsfrei belegt werden konnte. Sie legen beispielsweise die Kykladen als Herkunftsgebiet ebenso nahe wie den Mittleren Osten oder Anatolien.

Das Team um Jeffery Hughey vom Hartnell College im kalifornischen Salinas führte daher jetzt eine erneute DNA-Analyse durch. Ursprünglich hatten die Wissenschaftler dazu Knochenproben aus zwei verschiedenen Regionen Kretas gesammelt: dem Zentrum sowie dem Süden der Insel. Letztere stammten von 39 Individuen aus Gräbern, die in der Nähe des Palastes von Phaistos ausgegraben wurden. Die Proben aus der zentraler gelegenen Region kamen aus einer Höhle auf der Lasithi-Hochebene, die vermutlich seit der ersten Besiedelung Kretas in der Jungsteinzeit bis vor circa 3.800 Jahren durchgehend als eine Art Beinhaus genutzt wurde. Bauarbeiter entdeckten sie dann zufällig bei Straßenbauarbeiten in den 1970er Jahren wieder.

Breiter Vergleich der Sequenzen

Bei der Analyse der Proben habe sich allerdings gezeigt, dass nur Teile der Lasithi-Funde auswertbar waren – die anderen seien zu stark mit moderner DNA verschmutzt gewesen, berichten die Forscher. Verwendet wurde daher nur die sogenannte mitochondriale DNA aus Knochen von insgesamt 37 Individuen, die vor 4.400 bis 3.700 Jahren gelebt hatten. Diese mitochondriale DNA wird unabhängig von der Kern-DNA immer über die mütterliche Linie vererbt, ohne dass es zu einer Vermischung mit väterlichem Erbgut kommt. Daher gilt sie als besonders hilfreich bei der Bestimmung von Abstammungslinien. Im aktuellen Fall verglichen die Wissenschaftler die Basenabfolge der Proben mit denen von insgesamt 135 anderen Populationen aus der ganzen Welt, die sowohl heute lebende Menschen umschlossen als auch Gruppen, die während der Jungsteinzeit sowie der Bronzezeit lebten.

Das Ergebnis sei in einer Hinsicht sehr deutlich ausgefallen, berichtet das Team: Die afrikanischen Proben unterschieden sich mit Abstand am meisten von denen aus Kreta – eine Herkunft aus dem Norden des Kontinents könne daher praktisch ausgeschlossen werden. Sehr viel größere Ähnlichkeiten fanden die Forscher zu Proben aus Europa, und zwar sowohl dem heutigen als auch dem historischen. Große Übereinstimmungen habe es beispielsweise mit Menschen aus dem heutigen West- und Nordeuropa gegeben. Noch besser war jedoch die Überdeckung mit bronzezeitlichen Proben aus dem Süden Europas, speziell der Iberischen Halbinsel.

Die ersten Bauern gelangten auch nach Kreta

Zusammengefasst legten diese Werte nahe, dass sich die Minoer zwar tatsächlich aus den ersten Einwanderern auf Kreta entwickelt haben, resümieren die Forscher. Diese Einwanderer scheinen jedoch nicht aus Afrika gekommen zu sein. Vielmehr scheint es sich um die gleiche Gruppe von Menschen gehandelt zu haben, die aus dem Nahen Osten aufbrach und auch das gesamte restliche Europa besiedelte, im Gepäck das Wissen um die Prinzipien der Landwirtschaft. Die Minoer waren also eher Europäer als Nordafrikaner, so das Fazit der Forscher. Und noch etwas habe sich herausgestellt: Die Menschen, die heute auf der Lasithi-Ebene leben, tragen ebenso wie einige andere Bewohner der griechischen Inseln das Erbgut der Minoer in sich – und zwar zu einem größeren Teil als bisher angenommen.
Jeffery Hughey (Hartnell College, Salinas) et al.: Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms2871

© wissenschaft.de – Ilka Lehnen-Beyel


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