Uralt und buchstäblich messerscharf: Unser Verstand

 Geschoss-Spitzen aus Stein vor einem Feuer. Credit: Simen Oestmo
Geschoss-Spitzen aus Stein vor einem Feuer. Credit: Simen Oestmo
Ein Speer saust durch die Luft, die scharfkantige Steinklinge an seiner Spitze durchbohrt eine Gazelle und sichert den Jägern die ersehnte Beute. ? Szenen dieser Art haben sich im Süden Afrikas bereits vor unglaublichen 71.000 Jahren abgespielt, berichtet ein internationales Forscherteam. Die Archäologen haben dort hitzebehandelte Steinprojektile entdeckt ? und können damit belegen, dass der moderne Mensch in der Waffentechnologie weit früher ein Meister war, als bisher angenommen.
Der anatomisch moderne Mensch hat sich nach derzeitigem Stand des Wissens vor mehr als 100.000 Jahren in Afrika entwickelt. Wann er allerdings anfing, seinen Verstand zu seinem Erfolgsgeheimnis auszubauen und komplexe Techniken zu entwickeln, ist weitgehend unklar. Kyle Brown von University of Cape Town und seine Kollegen bringen nun ein neues Licht ins Dunkel dieses Aspektes der frühen Menschheitsgeschichte.

Die Forscher hatten an dem Ausgrabungsort ?Pinnacle Point? an der Küste Südafrikas Klingen entdeckt, die aus hitzebehandelten Steinen gefertigt wurden. Neben einer scharfen Seite besitzen sie auch eine stumpfe, mit der sie vermutlich an Halterungen befestigt waren, um Werkzeuge, Speere oder möglicherweise sogar Pfeile zu bilden. Höchstwahrscheinlich handelte es sich aber um Spitzen von leichten Speeren, die durch Schleudern mit großer Wucht und Reichweite abgeschossen wurden. Den Datierungen zufolge sind diese ersten Zeugnisse ausgefeilter Waffentechnik etwa 71.000 Jahre alt. Die bisher frühesten Funde dieser Art stammen aus einer Periode von vor 65.000 bis 60.000 Jahren, ebenfalls aus Südafrika. Das belegt, dass diese Technologie über eine Zeitspanne von mindesten 11.000 Jahren hinweg von Generation zu Generation weitergegeben wurde, sagen die Forscher.

Zeugnisse einer durchdachten Produktionskette

Die Wissenschaftler stellen sich die Herstellung der Waffen in etwa so vor: Die urzeitlichen Technologen sammeln zuerst Steine und Feuerholz. Sie erhitzen das Rohmaterial dann in der Glut, um es leichter bearbeitbar zu machen, und brechen anschließend sorgfältig die scharfen Klingen aus dem harten Material. Um sie an Speeren oder Pfeilen zu befestigen, waren außerdem weitere komplexe Schritte nötig, betont das Team. Diese umfassten die sorgfältige Verarbeitung von klug ausgewählten Materialien wie Pflanzenteilen, Federn oder Sehnen. Bei dieser komplexen Produktionskette war zweifellos ein bereits hochentwickelter Verstand am Werk, sind die Forscher überzeugt.

Kyle Brown und seinen Kollegen zufolge bildeten die Technologieschmieden im südlichen Afrika möglicherweise das Fundament für den Siegeszug des modernen Menschen über den Planeten. Als er schließlich seinen Heimatkontinent verließ, hatte er möglicherweise bereits Waffensysteme im Gepäck, mit denen er urtümlicheren Menschenformen, die den Rest der Welt bereits besiedelt hatten, weit überlegen war. Speerschleudern oder möglicherweise sogar Pfeil und Bogen hatten beispielsweise die Neandertaler in Europa und Asien nichts entgegenzusetzen. ?Die modernen Auswanderer aus Afrika besaßen Projektile mit großer Reichweite und vermutlich auch hochentwickelte Sozialstrukturen. Für die Neandertaler war das möglicherweise der K.o-Schlag?, spekuliert Co-Autor Curtis Marean von der Arizona State University.
Kyle Brown (University of Cape Town) et al.: Nature, doi:10.1038/nature11660

© wissenschaft.de - Martin Vieweg


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