Fremde Federn

Auch Neandertaler scheinen schon Sinn für schicke Outfits und Accessoires gehabt zu haben: Die Urmenschen schmückten sich offenbar mit Vogelfedern. Das schließen Forscher aus Analysen 44.000 Jahre alter Vogelknochen aus einer Höhle im heutigen Italien, in der die Urmenschen einst lebten. Bei den Funden handelt sich um Überreste von Adlern, Falken oder Geiern, deren Fleisch zum Verzehr ungeeignet ist. Spuren auf den Fossilien deuten zudem darauf hin, dass die Neandertaler auch nicht die Knochen der Vögel nutzten, sondern gezielt die großen Flügelfedern ausrissen beziehungsweise abschnitten. Den Forschern zufolge ist es also möglich, dass unsere entfernten Verwandten die schönen Federn der Raubvögel als Schmuck oder für Zeremonien benutzten, ähnlich wie beispielsweise die nordamerikanischen Indianer. Dies sei ein weiteres Puzzleteil, welches das Bild des Neandertalers als kulturlosen Primitivling infrage stellt, schreiben die Wissenschaftler um Marco Peresani.
Die insgesamt 660 Vogelknochen befanden sich in der gleichen Schicht, in der Archäologen zuvor bereits Überreste von Neandertalern entdeckt hatten. In der Höhle "Grotta di Fumane" im nördlichen Italien lebten zwar auch immer wieder Raubtiere, wie Bären oder Füchse, zu deren Zähnen passen die Spuren auf den Vogelknochen allerdings nicht. Den Forschern zufolge handelt es sich um Anzeichen menschlicher Bearbeitung: Schnitt und Schabspuren an den Flügelknochen etwa weisen darauf hin, dass hier gezielt die Schwungfedern entfernt wurden.

Es gibt bereits Hinweise darauf, dass Neandertaler auch Muschelschalen als Schmuck benutzten und auch ihre Toten feierlich bestatteten. Der Gebrauch von Federn als Schmuckstücke oder rituelle Gegenstände passt in dieses Bild. Peresani und seine Kollegen sehen darin eine weitere Parallele zum modernen Menschen. Was den Neandertaler letztendlich unterlegen gemacht hat - er verschwand vor etwa 25.000 Jahren -, bleibt weiter Spekulation. Unstrittig ist inzwischen jedoch, dass die Neandertaler sehr eng mit dem modernen Menschen verwandt waren und in gewisser Hinsicht sogar zu unseren Ahnen gehören: Genanalysen haben gezeigt, dass die heutigen Menschen einen kleinen Teil Neandertaler-Erbgut besitzen. Offenbar pflegten unsere Vorfahren demnach auch sexuelle Kontakte zu den ausgestorbenen Urmenschen.
Marco Peresani (Università di Ferrara) et al: PNAS, doi: 10.1073/pnas.1016212108

dapd/wissenschaft.de - Martin Vieweg


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