Königsgrab unterm Parkplatz

 Historisches Portrait des englischen Königs Richard III. (Bild: University of Leicester)
Historisches Portrait des englischen Königs Richard III. (Bild: University of Leicester)
Normalerweise werden Könige unter allen Ehren zu Grabe getragen und meist markiert auch Jahrhunderte später noch eine aufwändige Gruft oder ein steinerner Sarkophag ihre letzte Ruhestätte. Nicht so bei dem englischen König Richard dem III. Der 1485 in einer Schlacht getötete König war bereits zu Lebzeiten umstritten und wurde durch eine Rebellion gestürzt. Der Sieger und seine Nachkommen, die Könige der Tudor-Dynastie, sorgten dafür, dass Richards Leiche nahezu anonym in einer Klosterkirche in Leicester verscharrt wurde. Von den Überresten des von Shakespeare verewigten Königs fehlte daher bis heute jede Spur. Jetzt haben britische Archäologen das Skelett des Königs entdeckt - unter einem Parkplatz.
Für Shakespeare war der englische König Richard III. der Inbegriff eines Schurken: Er beschreibt ihn in seinen Werken als Buckligen mit einem verkümmerten Arm und als gewissenlosen Mörder zahlreicher Rivalen um den Thron, darunter auch zwei junge Prinzen. Tatsächlich aber war der 1483 gekrönte König weitaus besser als sein späterer Ruf. So forderte er, dass Richter und Gerichte ohne Ansehen der Person ihre Urteile sprechen sollten und etablierte unter anderem ein System des Rechtsbeistands für diejenigen, die ihre Rechte nicht selbst vertreten konnten.

Ob Richard III. die beiden Prinzen, Söhne seines älteren Bruders Edward IV., tatsächlich ermorden ließ, ist bis heute umstritten. Als diese jedoch 1483 unter ungeklärten Umständen aus dem Tower von London verschwanden, nutzten dies seine Gegner, darunter sein späterer Nachfolger Henry Tudor, um ihn des Mordes zu beschuldigen und begannen eine Rebellion. 1485 kam es zur Schlacht von Bosworth, bei der Richard III. tödlich verwundet wurde. Laut historischen Quellen soll der besiegte König nach der Schlacht in der Klosterkirche Grey Friars in Leicester begraben worden sein - ohne königliche Ehren und in einem unmarkierten Grab. Die ehemalige Klosterkirche existiert heute jedoch nicht mehr. Ob sich die Leiche des einstigen Königs irgendwo auf dem Gelände des ehemaligen Klosters befand und wenn ja, wo, war daher unklar.

Verkrümmter Rücken und Kampfwunden

Am 4. September 2012 begannen Archäologen der University of Leicester eine Ausgrabung, um diese Frage endgültig zu klären. In ihrem Verlauf stießen sie auf zwei Skelette. Eines davon stammte von einem Mann, der zu Lebzeiten unter einer erheblichen Rückgratverkrümmung gelitten hatte. "Dies führte dazu, dass seine rechte Schulter erheblich höher stand als seine linke", berichteten die Forscher Mitte September 2012 in einer ersten Pressekonferenz zum Fund. Einen Buckel oder verkümmerten Arm, wie Shakespeare es darstellte, habe dieser Mann aber nicht gehabt. Eine Radiokarbon-Datierung der Überreste ergab, dass das Skelett aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt - und damit durchaus der 1485 gestorbene Richard III. sein könnte.

Eine Computertomografie des Schädels enthüllte zudem Spuren von erheblichen Verletzungen, die in etwa zum Todeszeitpunkt zugefügt worden sein mussten. Zwischen den Brustwirbeln habe man zudem eine metallene Pfeilspitze gefunden. Die Verletzungen passen nach Angaben der Forscher sehr gut zu den Wunden, die Richard III bei der Schlacht von Bosworth davon getragen haben soll. "Unsere Untersuchungen zeigen eine große Wunde an der Schädelbasis, verursacht durch einen Schnitt mit einer Waffe mit scharfer Klinge", erklärt Ausgrabungsleiter Jo Appleby von der University of Leicester. Eine zweite Wunde an der Schädelbasis sei von einer Klinge hervorgerufen worden, die den gesamten Schädel durchbohrte. "Beide Verletzungen müssen fast sofort zur Bewusstlosigkeit und wenig später zum Tod geführt haben", so der Forscher.

Zwei Nachfahren liefern Vergleichs-DNA

Doch ob es sich bei dem Skelett tatsächlich um Richard III. handelte, konnte nur eine DNA-Analyse schlüssig beweisen. Das Problem dabei: Als Vergleich benötigt man dafür das Erbgut eines nachweislichen Nachfahren der Familie des Königs, also eines möglichst engen Verwandten. Tatsächlich spürten Historiker einen dieser Nachfahren auf - in Kanada: Der 55-jährige Michael Ibsen soll, so glauben die Abstammungsforscher, der direkte Nachfahre von Anne of York sein, der Schwester Richards des III. "Er ist damit der 17. Urgroßneffe des Königs", so Kevin Schürer, Leiter des Genealogieteams der University of Leicester. Eine weitere Person stamme ebenfalls aus dieser Linie, wolle aber anonym bleiben.

"Wir waren sehr aufgeregt, als wir tatsächlich eine Übereinstimmung zwischen der DNA der beiden Nachfahren und dem Skelett aus den Ausgrabungen in der Grey Friars Kirche fanden" , berichtet Turi King, Leiter des DNA-Teams der University of Leicester. Zusammen mit den Ergebnissen der Knochenanalysen und dem archäologischen Kontext seien dies starke und überzeugende Indikatoren dafür, dass es sich tatsächlich um die Überreste von Richard III handele, dem letzten englischen König aus der Familie der Plantagents.
University of Leicester

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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