Arznei aus dem Schiffswrack

 Forscher haben die Ur-Ur-Ur-Großväter heutiger Tabletten entdeckt - in einem Schiffswrack. Bild: Thinkstock
Forscher haben die Ur-Ur-Ur-Großväter heutiger Tabletten entdeckt - in einem Schiffswrack. Bild: Thinkstock
Auf einem versunkenen Schiff vor der Küste Italiens haben Forscher etwas entdeckt, das für viele Archäologen wertvoller ist als Gold: antike Arzneimittel. Sie gehörten wahrscheinlich einem Arzt, der vor rund 2.100 Jahren per Schiff aus dem östlichen Mittelmeer zur etruskischen Stadt Populonia in der Toskana reiste. Jetzt gibt es die erste genauere Analyse der Tabletten, die in einer Zinndose erhalten gebliebenen sind - und die liefert wertvolle Hinweise auf die medizinischen Kenntnisse und Gepflogenheiten der Antike.
"In der Archäologie ist die Entdeckung von alten Medikamenten extrem selten, daher wissen wir nur wenig über ihre chemische Zusammensetzung", erklären Gianna Giachi von der toskanischen Archäologiebehörde in Florenz und ihre Kollegen. Der Fund einer antiken Arztausrüstung in dem etwa 130 vor Christus gesunkenen Schiff sei daher ein echter Glücksfall. In den Überresten einer Holztruhe fanden die Forscher zahlreiche Zinndosen sowie hölzerne Gefäße, einen Mörser, einen kleinen Eisenstab und eine Schale, die möglicherweise beim Aderlass eingesetzt wurde. Röntgenuntersuchungen einer der Zinndosen enthüllten darin fünf runde Tabletten, jede etwa vier Zentimeter groß und einen Zentimeter dick. Proben dieser Tabletten haben die Forscher jetzt erstmals genauer analysiert.

Zinkverbindungen als Wirksubstanz

Die Untersuchungen per Mikroskop, Gaschromatografie und anderen modernen Analysemethoden ergab, dass die Tabletten zum größten Teil aus zwei fein pulverisierten Zinkverbindungen bestanden. "Die heilsame Wirkung von Zink war schon im Altertum bekannt", erläutern die Forscher. Plinius der Ältere etwa berichte bereits davon, dass dieses Metall gegen Haut- und Augenentzündungen wirke. Noch heute wird Zink in Salben zur Linderung von Hautausschlägen eingesetzt.

Zusätzlich enthielten die antiken Tabletten aber auch Reste von Bienenwachs, Stärke, Pinienharz und verschiedenen Pflanzenölen, wie die Wissenschaftler berichten. Auch Holzkohlereste und verschiedene Pflanzenpollen und -fasern fanden sich in den Uralt-Präparaten. Ob diese Zutaten aber damals einer medizinischen Wirkung wegen hinzugefügt worden sind, ist unklar. Das Harz könnte beispielsweise auch zur Konservierung speziell der ölhaltigen Inhaltsstoffe eingesetzt worden sein, mutmaßen die Forscher. Die Pflanzenfasern dienten möglicherweise dazu, die Tabletten stabiler zu machen und vor den Zerbröckeln zu schützen.

Medizin gegen Augenentzündungen

Wofür aber nutzte der antike Arzt diese ungewöhnlich großen Tabletten? "Die Zusammensetzung und Form der Tabletten deuten darauf hin, dass sie zur Behandlung von Augenentzündungen eingesetzt wurden", berichten Giachi und ihre Kollegen. Vermutlich löste man sie auf und setzte die Flüssigkeit dann zum Baden der Augen ein. Alternativ könnten die Tabletten erwärmt und dann als Salbe aufgestrichen worden sein.

In der Antike wurden Augensalben und -wässer als "Kollyrium" bezeichnet. Da sich dies vom griechischen Namen für einen kleinen, runden Laib ableitet, könnte das nach Ansicht der Forscher ein Hinweis darauf sein, dass solche Heilmittel damals häufig in Form von runden Tabletten hergestellt und transportiert wurden - ähnlich wie die jetzt analysierten Funde aus dem Schiffswrack.
Gianna Giachi (Soprintendenza per i Beni Archeologici della Toscana, Florenz) et al.: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), doi: 10.1073/pnas.1216776110

© wissenschaft.de - Nadja Podbregar


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