Spektakuläre Treter

In einer Höhle in Armenien hat ein internationales Archäologenteam einen 5.500 Jahre alten Lederschuh gefunden. Das sehr gut erhaltene Relikt ist damit das älteste bekannte Schuhwerk der Welt. Der Schuh besteht aus einem einzigen Stück Leder und wurde offensichtlich dem Fuß des Trägers angepasst. Große Ähnlichkeiten mit anderen in Europa verwendeten Herstellungstechniken und Stilen lassen vermuten, dass diese Art von Fußbekleidung über Tausende von Jahren hinweg mit großer Verbreitung getragen worden ist.
Das Höhlensystem mit der Bezeichnung Areni-1 liegt in der armenischen Provinz Vayots Dzor im Grenzgebiet Armeniens, des Irans, der Türkei und Aserbaidschans und war den ortsansässigen Archäologen schon lange bekannt. Viele Funde wurden bereits in dem ausgedehnten Höhlensystem gemacht, die Bandbreite des Alters der Relikte reicht von der Jungsteinzeit circa 10.000 Jahre vor Christus bis in das späte Mittelalter. Die bereits 2008 von den Wissenschaftlern um Ron Pinhasi vom irischen University College Cork entdeckte Kammer enthielt neben dem Lederschuh noch konservierte Früchte und Getreide. Mit der C-14-Methode, also der Radiokohlenstoffanalyse, konnte das Alter des Schuhs auf etwa 5.500 Jahre bestimmen. Somit ist er noch um einige Hundert Jahre älter als das Schuhwerk der in den Ötztaler Alpen gefundenen Eismumie "Ötzi", die in Bozen aufbewahrt wird.

Es ist ungewiss, ob der Schuh von einem Mann oder einer Frau getragen wurde. Er ist 24,5 Zentimeter lang und 7,5 bis zehn Zentimeter breit. Obwohl mit einer Größe von 37 eher klein, könnte er dennoch einem Mann der Kupfersteinzeit (Chalkolithikum) gehört haben. Das aus Kuhhaut gefertigte Schuhwerk besitzt keine Sohle und war zudem mit Gras ausgelegt. Für dessen Funktion gibt es nach Ansicht der Archäologen zwei Erklärungen: Entweder wurden die Gräser einfach als Einlage benutzt, um den Fuß warmzuhalten, oder sie dienten als eine Art früher Schuhspanner der Formerhaltung des Schuhwerks. Der Schuh bestand aus einem einzigen Stück Leder, das um den rechten Fuß gewickelt wurde. Die trockene und kühle Umgebung der Höhle hat ihn nahezu unbeschadet die Jahrtausende überdauern lassen.

Der Schuh weist eine frappierende Ähnlichkeit mit den sogenannten Pampooties auf, einer Art Mokassin, der bis in die Fünfzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts auf den Aran-Inseln vor der Westküste Irlands getragen wurde. Auch andere, über ganz Europa verteilte Schuhrelikte aus diversen Epochen erinnern an die Kuhhaut-Fußbekleidung aus Armenien. "Diese Art von Schuh wurde wahrscheinlich Tausende von Jahren lang getragen, und das in einem riesigen Gebiet", folgert Pinhasi. Grundsätzlich sei das Tragen von Fußbekleidung wie Schuhen oder Sandalen in prähistorischer Zeit die Ausnahme gewesen. Überwiegend sei damit der Fuß gegen felsiges Terrain geschützt oder gewärmt worden.

Die Wissenschaftler sind über den Verwendungszweck der Höhle, in deren hinterem Teil auch Gräber von Kindern gefunden wurden, noch im Unklaren. "Es ist so wenig über dieses Zeitalter bekannt, dass wir nicht mit absoluter Gewissheit sagen können, warum sich all diese Dinge in der Höhle befunden haben", erklärt Pinhasi. Die Forscher werden deshalb die Erforschung des Höhlensystems fortsetzen, in dem noch viele Kammern nicht freigelegt sind.
Ron Pinhasi (University College Cork) et al.: PLoS One, Online-Veröffentlichung, doi:10.1371/journal.pone.0010984.g001

ddp/wissenschaft.de ? Gwydion Brennan


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