Kanal voll

 Rekonstruktion der Piedras-Bolas-Leitung in der Maya-Stadt Palenque: Der 60 Meter lange abschüssige Kanal erzeugte durch die Verengung am Ende einen hydraulischen Druck, der Wasser sechs Meter in die Höhe heben konnte. Foto: Reid Fellenbaum
Rekonstruktion der Piedras-Bolas-Leitung in der Maya-Stadt Palenque: Der 60 Meter lange abschüssige Kanal erzeugte durch die Verengung am Ende einen hydraulischen Druck, der Wasser sechs Meter in die Höhe heben konnte. Foto: Reid Fellenbaum
Die älteste Konstruktion zur Herstellung von Wasserdruck in Amerika haben Ingenieure der Mayas wohl im dritten Jahrhundert nach Christus ausgetüftelt. Das haben US-Wissenschaftler entdeckt, die in der bedeutenden Maya-Siedlung nahe der mexikanischen Stadt Palenque den unterirdischen Kanal Piedras Bolas untersucht haben. Er besitzt über 60 Meter ein Gefälle von sechs Metern und endet abrupt an einer Barriere, die das Wasser in eine zwei Meter lange engere Leitung gepresst hat. Durch die Konstruktion erzeugten die Mayas einen Druck, mit dem sie Wasser sechs Meter nach oben heben konnten.
"Bisher wurde angenommen, dass Wasserdrucksysteme die Neue Welt erst mit der Ankunft der Spanier erreichten", schreiben die Wissenschaftlerum um Christopher Duffy von der Penn State University in University Park, Pennsylvania. "Archäologische Befunde, die saisonalen Regenfälle, die Geländeform und die einfache Theorie belegen aber klar, dass schon die Mayas von Palenque in Chiapas das Wissen besaßen, in geschlossenen Kanälen Wasserdruck zu erzeugen." Seine Glanzzeit erlebte Palenque zwischen 250 und 600 nach Christus. Die Maya-Stadt liegt auf einer Terrasse an einem Steilhang und erstreckt sich mit Siedlung, Tempeln und Palast in Längsrichtung über zwei Kilometer.

Die Mayas kanalisierten die zahlreichen Wasserläufe aus den Hügeln ? vor allem unter Plätzen wurden sie auch unterirdisch verlegt. An Wasser herrschte in Palenque nicht nur wegen der vielen Quellen kein Mangel: In der sechsmonatigen Regensaison fallen acht Meter Wasser pro Quadratmeter. 1999 war an abschüssigem Terrain oberhalb der Siedlung eine geschlossene Leitung entdeckt worden, deren Funktion nun entschlüsselt worden ist: Das gemauerte Piedras-Bolas-Aquädukt ist 120 Zentimeter hoch und 80 Zentimeter breit, es ist 60 Meter lang und verliert dabei sechs Meter an Höhe. Am Ende wird das Wasser durch eine Barriere in eine kleine Öffnung am Boden gedrückt. Auf Grund des Leistungsgefälles baut das sich aufstauende Wasser Druck auf. Am Auslass des Piedras-Bolas-Aquädukts in einem kleinen Bassin reichte der Druck theoretisch aus, um das Wasser sechs Meter anzuheben.

"Die Erfahrung der Mayas von Palenque mit dem Bau von Wasserleitungen und der Erhaltung von städtischem Raum dürfte zur Erfindung von verwertbarem Wasserdruck geführt haben", erläutert Studien-Co-Autor Kirk French. Die Wissenschaftler verwendeten ein hydraulisches Modell des Konstrukts, um deren Potenzial auszuloten: Die Mayas hätten einen Springbrunnen betreiben oder Wasser in Nebenkanäle umleiten können für die Abwasserbeseitigung. "Der Palast besitzt Konstruktionen, die Derartiges nahelegen", berichtet French.
Christopher Duffy (Penn State University, University Park) et al.: Journal of Archaeological Science, Bd. 37, Nr. 5, S. 1027 (doi: 10.1016/j.jas.2009.12.003)

ddp/wissenschaft.de ? Rochus Rademacher


Reload-Capcha neu laden Text der identifiziert werden soll

Bitte geben Sie zusätzlich noch den Sicherheitscode ein!

Rubriken

 


Harte Nuss
Rätsel: Berühmte Entdecker gesucht

 

Der Buchtipp

Eine kurzweilige Führung durch den Bienenstock mit einer erhellenden Dosis Wissenschaft – das bietet das Buch "Die Honigfabrik" von Jürgen Tautz.

Zu allen Buchtipps


Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der Konradin Mediengruppe