Bei den Chinesen ist Deutschland am beliebtesten

Reinhard Renneberg forscht seit 21 Jahren in Hongkong. (Foto: B.Kowsky für bdw)

Reinhard Renneberg forscht seit 21 Jahren in Hongkong. Dort erlebt der dienstälteste deutsche Professor in Asien, wie China in der Wissenschaft zulegt.

Die Hongkong University of Science and Technology (HKUST) liegt bei weltweiten Universitätsrankings weit vorne. Bei den Neugründungen der letzten 50 Jahre listet sie auf Platz 4, die beste deutsche Uni ist ­gerade einmal auf Rang 15. Wie wichtig sind solche Rankings, Herr Prof. Renneberg?

Meine Uni benutzt das gerne für das Marketing. Bei uns stehen überall riesige Transparente mit unseren Platzierungen. Wir grenzen uns auch gerne von den anderen chinesischen Universitäten ab, wenn wir in sektoralen Rankings vor ihnen platziert sind: Wir sind Nummer 1 bei der Technik. Wir sind Nummer 1 bei Naturwissenschaften. Studenten und Professoren sind dadurch höchst motiviert.

Wie kam es zu Ihrer Verpflichtung in ­Hongkong?

Schon als Kind war ich fasziniert von den Abenteuern Marco Polos in China. Deshalb wollte ich in Peking studieren. Dann gab es dort die Kulturrevolution und das Zerwürfnis Maos mit dem Ostblock. Ich entschied mich in der Folge für ein Studium in der Sowjetunion, wo ich fünf Jahre blieb. Später arbeitete ich in Berlin-Buch am Zentralinstitut für Molekularbiologie. Nach der Wende bekam ich einen Ruf an das Institut für Chemo- und Biosensorik der Fraunhofer Managementgesellschaft als Abteilungsleiter für Immunosensoren. 1993 rief mich Professor Yu von der Hongkong University of Science and Technology an und lud mich ein, seine Universität kennenzulernen. Sie war damals ganz neu und liegt fantastisch direkt am Südchinesischen Meer. Ich wurde wohl nicht zuletzt deshalb berufen, weil ich keinerlei Berührungsängste zu Chinesen hatte und man mir als Ostdeutschem einen Heißhunger auf moderne Technologie zuschrieb.

Wodurch unterscheidet sich Ihr Arbeitsplatz von dem der Professoren an deutschen Universitäten?

Wie es in Deutschland genau aussieht, weiß ich nach so langer Zeit nicht mehr. Doch ich höre immer wieder Klagen. In Hongkong bekam ich ein Labor für 15 Studenten und umgerechnet 200 000 Euro für die Erstausstattung. Und was nicht zu verachten war: ein Büro mit Meerblick.

Bieten sich für junge europäische Wissenschaftler in Hongkong heute ähnliche Möglichkeiten wie vor zwei Jahrzehnten?

Die HKUST kann es sich aufgrund ihres weltweit guten Rufs leisten, wählerisch zu sein. Europäer sind zwar hochwillkommen, doch jeder erhält erst einmal einen Zweijahresvertrag. Das Risiko, anschließend nicht weiterbeschäftigt zu werden, scheuen viele. Dennoch hat die HKUST den höchsten Anteil von nichtchinesischstämmigen Professoren in China.

Gibt es an Ihrer Universität Probleme im ­Verhältnis Hongkong-Chinesen zu anderen Chinesen und Ausländern?

Nein.

Wer in das Stellenverzeichnis schaut, ­bemerkt, dass fast alle wichtigen Positionen mit Personen besetzt sind, die einen chinesischen Namen tragen – angefangen beim ­Präsidenten.

Mit wichtigen Unterschieden: Es gibt Chinesen aus Hongkong, der Volksrepublik, aus Taiwan, Singapur, die US-Chinesen, die europäischen Chinesen. Sie alle bringen andere kulturelle Einflüsse ein. Im Grunde ihres Herzens arbeiten alle dafür, dass China wieder groß und mächtig wird. Überdies laden wir mindestens einmal in der Woche bedeutende Professoren aus aller Welt zu Vorträgen ein. Wir wollen damit unsere Begeisterung für die Naturwissenschaften in die Öffentlichkeit transportieren. Denn da gibt es noch einiges zu tun. Die Naturwissenschaften stehen bei vielen Hongkong-Chinesen nicht an erster Stelle. Sie verstehen sich vor allem als Geschäftsleute. Das ändert sich zunehmend.

Woher kommen die Mittel für die gute Ausstattung der Universität?

Wir haben eine Menge an potenten Sponsoren – reiche Menschen, die sich für Wissenschaft und Technik begeistern lassen und von uns auch gut gepflegt werden. Wer ordentlich spendet, bekommt seinen Namen an ­einen Hörsaal geschrieben. Wir haben einen energischen Vize-Präsidenten – den früheren Chef der hiesigen Industrie-und Handelskammer –, der sich fast nur um Geld-Akquise kümmert. Da er alle bedeutenden ­Unternehmer kennt, stellt er etwas auf die Beine. So werde ich immer wieder gebeten, mein Labor wichtigen Leuten zu zeigen und meinen Herzinfarkt-Test vorzuführen. Der von mir entwickelte Biotest weist Protein im Blut nach, das schon fünf Minuten nach einem Infarkt messbar ist. Nach dem Laborbesuch und einem guten Essen sind solche Besucher häufig geneigt, großzügig zu spenden. Übrigens: Gegründet wurde unsere Uni mit Wettgeldern von Pferderennen. Man munkelt, dass die Uni mit den Einnahmen von nur fünf Renntagen gebaut werden konnte. Dazu muss man wissen: Pferderennen sind der wichtigste Wirtschaftszweig der Stadt.

Wie viele Europäer lehren an Ihrer Uni?

An der Business School fast nur Ausländer – Israelis, Inder, US-Amerikaner, Armenier. Interessanterweise lehren dort keine Deutschen. Als Kaufmänner sind wir wenig gefragt, wir gelten als Technologen.

Sie alle unterrichten nur auf Englisch?

Gott sei Dank. Ich versuche aber alle Leute meiner Gruppe mindestens drei Monate in Deutschland arbeiten zu lassen und motiviere sie, diese Chance zu nutzen, um Deutsch zu lernen. Wer das macht, hat bessere Chancen, bei einer deutschen Firma in China eingestellt zu werden.

Welches Ansehen hat die deutsche Industrie an Ihrer Universität?

Deutschland ist bei vielen Chinesen das ­beliebteste auswärtige Land. Deutsche Unternehmen sind hochangesehen. Die sich daraus ergebenden Vorteile sollten wir viel besser ausspielen. Das machen wir Deutschen zu zaghaft.

Chinesen sind Weltmeister im Auswendig­lernen, doch die Kreativität bleibt auf der Strecke, heißt es häufig. Stimmen Sie mit diesem Urteil überein?

Chinesen denken meist in eine Richtung und nicht um die Ecke. Das Auswendiglernen saugen Chinesen gewissermaßen mit der Muttermilch ein, weil sie etwa 7000 Schriftzeichen erlernen müssen, um eine Zeitung lesen zu können. Durch das Auswendiglernen entwickeln sie erstaunliche Fertigkeiten. Ich habe Studenten, die im Examen meinen Lehrstoff wortwörtlich wiedergeben können und mir sprachliche Unsauberkeiten nachweisen. Wenn ich später etwas anders formuliere, als ich es in der Vorlesung gesagt habe, höre ich: „Das haben Sie aber nicht so gesagt." Was Chinesen noch lernen müssen, ist, dauerhaft hohe Qualität zu produ­zieren. Daran hapert es bis heute. Weil ich meine Herzinfarkt-Testgeräte in China produzieren lasse, muss ich die Qualität ständig überprüfen: Manche Woche läuft es gut, dann wieder nicht.

Was unterscheidet die sechs Hongkonger Universitäten von den guten Unis in der Volksrepublik?

Wir sind durchweg internationaler besetzt und sprechen fast ausschließlich Englisch. Doch die Unterschiede werden abnehmen. Die Regierung der Volksrepublik möchte China zum größten englischsprachigen Land der Welt machen – natürlich bezogen auf die Zahl der Menschen, die Englisch zumindest als Zweitsprache sprechen.

Wann werden Chinas Top-Universitäten den führenden US-Universitäten den Rang abgelaufen haben?

Als ich vor Jahren in den USA war, wurden mir von amerikanischen Kollegen oft Scharen chinesischer Studenten mit dem Hinweis gezeigt: „Das sind unsere chinesischen Werkzeuge." Doch viele dieser Menschen haben fleißig gelernt und kehren nun mit ­ihrem US-Wissen nach China zurück. Sie werden China voranbringen und die Volksrepublik demokratischer und dynamischer gestalten. Ich hoffe noch zu erleben, dass eine Professur etwa in Shanghai genauso attraktiv ist wie eine in Berkeley. Wenn die chinesischen Auslandswissenschaftler dazu noch etwas von der Lockerheit amerikanischer Eliteuniversitäten mitbringen, werden es die chinesischen Spitzenunis bis ganz nach vorne schaffen.


Das Gespräch führte Wolfgang Hess

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