Wie Nobelpreise den Jahrhundertwandel spiegeln

Die internationale Landschaft der Naturwissenschaften hat im 20. Jahrhundert enorme Wandlungen erfahren. Sie spiegeln sich auch in der nunmehr hundertjährigen Geschichte der Nobelpreise. Sehr bedeutsam waren Einwirkungen von außen her, nämlich durch Politik und Krieg. Das gilt insbesondere für Deutschland.
Als die "goldene Zeit" der deutschen Naturwissenschaften gilt die Kaiserzeit. Das zeigt sich auch in den Nobelpreisverleihungen. Unter den insgesamt 39 Physik- und Chemie-Nobelpreisträgern bis 1918 waren 13 Deutsche. Kein anderes Land war stärker vertreten.

Unter den Geehrten ist Max Planck, der Mitbegründer der modernen Physik. Er und seine Berliner Kollegen hatten 1914 den durch seine spezielle Relativitätstheorie bekannt gewordenen Albert Einstein für die Reichshauptstadt gewonnen, die nun zum Mekka der theoretischen Physiker in der ganzen Welt wurde. In den zwanziger Jahren hatten dann auch andere deutsche Städte an dieser Blüte teil. Ein mehrjähriger Wissenschaftsboykott nach dem Krieg 1918 beeinträchtigte die starke deutsche naturwissenschaftliche Position kaum. Bis zum Begin der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde weiteren 12 deutschen Physikern beziehungsweise Chemikern die begehrte Auszeichnung aus Stockholm zuteil.

1933 markierte dann einen tiefen Einschnitt in die internationale Wissenschaftslandschaft. Die rassistisch und politisch diskriminierenden Gesetze und Maßnahmen des NS-Regimes lösten eine beispiellose Auswanderung jüdischer und politisch unerwünschter Wissenschaftler aus. Er zog sich in mehreren Wellen bis ins Jahr 1939 hin. Diese Flüchtlinge waren zwar relativ wenige, einige Tausend, je nach der Definition von "Wissenschaftler", doch im Durchschnitt von überproportional hohem Rang.

Problematisch ist die internationale Bewertung dieses Verlusts. Der Historiker Mitchell Ash (Universität Wien) bemerkt in einem Aufsatz, es gehe am Wesentlichen vorbei, anzunehmen, dass die späteren Beiträge der Emigranten in den Einwanderungsländern genau das waren, was dem deutschsprachigen Raum verloren ging. "Eine derart ergebnisorientierte Aufrechnung nach Verlust und Gewinn kommt beispielsweise in Schilderungen zum Vorschein, in denen die Namen der Nobelpreisträger und auch der künftigen Nobelpreisträger unter den Emigranten genannt werden, so als hätten diese auch dann gerade diese nobelträchtigen Leistungen hervorgebracht, wenn sie nicht von den Nationalsozialisten vertrieben worden wären". Ash spricht von einer statischen Sichtweise - so als hätten die Emigranten fertige Wissensstücke mitgebracht und diese wie Bausteine in ein schon bestehendes Kulturgebäude eingefügt.

Der Wissenschaftshistoriker Klaus Fischer (Universität Trier) sagte zum gleichen Aspekt der Preisverleihungen: "Sie sind ein Indikator, der interpretiert werden muss. Hinter jedem Nobelpreis steht ein eigenes Schicksal." Da gab es Emigranten der wissenschaftlich obersten Kategorie, die im anderen Land wirkungslos blieben, weil sie nicht in den institutionellen Kontext passten. Fischer nannte im Gespräch mit der dpa als Beispiel Erwin Schrödinger (Physiknobelpreis 1933). Umgekehrt konnten junge Wissenschaftler, die sozusagen als unbeschriebene Blätter emigrierten, eine enorme Wirkung entfalten, wie etwa Max Perutz (Chemienobelpreis 1962). Max Delbrück ging 1937 in die USA, ohne verfolgt oder vertrieben zu sein, und erhielt dann 1962 den Medizinnobelpreis. Die Wirkung Otto Sterns in den USA nach 1933 war trotz günstigster Voraussetzungen eher gering. Den Physiknobelpreis 1943 erhielt er für seine früheren Leistungen.

Aber nicht nur die Emigration hat die Wissenschaft in Deutschland nach 1933 verändert. Fischer nennt hier vor allem auch die Wissenschaftspolitik der Nationalsozialisten. So seien etwa frei werdende Physikerstellen nicht wieder oder durch nicht unbedingt erstklassige Leute besetzt worden. Die Studentenzahlen in Physik sanken zwischen 1932 und 1939 um über 75 Prozent. Jedenfalls war es mit der Blüte der Physik in Deutschland nach 1933 vorbei. Auch in der Biochemie und Teilen der Chemie verlor Deutschland aus verschiedenen Gründen seine einstige Führungsposition.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es dann für Deutschland einen genau so großen "brain drain" (geistigen Verlust) wie zwischen 1933 und 1939, wie Fischer konstatiert. Vor allem in Richtung Westen aber auch, meist von Moskau mehr oder weniger gezwungen, in Richtung Osten. Die USA wurden ein übermächtiger Schwerpunkt der Naturwissenschaften, was sich auch an den Nobelpreisen ablesen lässt. Aber Ehrungen gingen auch in Länder, die vorher nicht auf den Nobelpreislisten vertreten waren, etwa die UdSSR, Südafrika, Australien, Pakistan, Kanada. Nicht nur die starke Position der USA kennzeichnet die Wissenschaftslandschaft, sie ist auch vielfältiger geworden.


Rudolf Grimm


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