Habermas fordert Bewusstsein für langfristige Folgen der Gentechnik

Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas hat ein kulturelles Bewusstsein der Gesellschaft angemahnt, das die langfristigen Folgen der Gentechnologie berücksichtigt. "Ich halte die abwiegelnden Argumente der Experten für bedenklich", sagte der Soziologe am Rande eines Vortrages am Donnerstagabend in der Universität Marburg. Die Diskussion dürfe sich nicht "am aktuellen Stand festbeißen", sondern müsse das Thema aus einer Perspektive behandeln, die auch die ferne Zukunft mit einschließe.
Mit Blick auf die Präimplantationsdiagnostik (PID) sagte Habermas in seinem Vortrag, bei schweren Schädigungen müsse man die Frage ethisch abwägen, ob man diese mit Hilfe der Gentechnologie behandele. "Es ist aber beunruhigend, dass wir über Lebenswertes und Lebensunwertes entscheiden", sagte er. Die PID ist ein Gentest am künstlich erzeugten Embryo, bevor dieser in den Mutterleib eingepflanzt wird. Seine Gedanken zu diesem Thema will Habermas im September veröffentlichen.

Habermas warnte davor, dass die öffentliche Wahrnehmung zum Thema Gentechnik abstumpfe und sich zu einer Kosten-Nutzen-Rechnung entwickele. Derzeit verändere der Mensch sein Naturverständnis: Aus Naturbeherrschung werde Naturaneignung, die in ferner Zukunft schwere Folgen für das Individuum haben könnten.

Der Philosoph zeichnete das Szenario eines Menschen, dessen Gene von den Eltern "programmiert" werden. "In diesen Menschen werden unanfechtbare Absichten gesetzt, aus denen sich später Erwartungen entwickeln", sagte er. Eine solche Entscheidung der Eltern könne existenzielle Folgen haben, da der Mensch auf einen bestimmten Lebensweg festgelegt werde. Bei aller Skepsis wolle er aber nicht dramatisieren, sagte Habermas.

Jürgen Habermas, der 1962 in Marburg mit einer Arbeit unter dem Titel "Strukturwandel der Öffentlichkeit" habilitiert wurde, hat für sein wissenschaftliches Werk viele Auszeichnungen sowie mehrere internationale Ehrendoktorate erhalten. Im Herbst bekommt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
dpa


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