Therapeutisches Klonen in Deutschland nicht notwendig


Weltweit haben Forscher einen Wettlauf begonnen, mit Embryonen und Stammzellen von Erwachsenen Therapien für Krankheiten zu entwickeln. Noch gibt es nur erste Versuche mit geklonten Embryozellen, älteren Stammzellen oder Embryozellen aus der Laborkultur. Von einer Anwendung sind alle Verfahren noch jahrelang entfernt. Die gerade erteilte britische Erlaubnis zum Klonen von embryonalen Stammzellen sollte für die deutsche Forschung nach Meinung einiger Experten keine durchschlagende Bedeutung haben.

Der Vorsitzende des Ärzteverbandes Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, verweist darauf, dass es nur ein kleiner Aspekt aus einer Vielzahl von Möglichkeiten zur Stammzellenforschung ist. "Nach meiner festen Überzeugung liegt die große Chance der deutschen Forschung in erwachsenen Stammzellen." Geklonte embryonale Zellen enthielten zudem immer auch Material aus Fremdzellen, was eine Abstoßung wahrscheinlicher mache. Daher sei es ohnehin klüger, auf Stammzellen von Erwachsenen zu setzen. "Deutsche Forscher sollten versuchen, dort Weltmeister zu werden und nicht anderen Ländern in der Forschung an embryonalen Stammzellen nachlaufen."

Auch für Prof. Jan-Diether Murken, Leiter des Instituts für Medizinische Genetik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist die Arbeit mit Stammzellen von Erwachsenen mindestens ebenso aussichtsreich. "Man weiß nicht, ob es jemals gelingen wird, aus embryonalen Stammzellen Gewebe zu züchten."

Bis vor etwa zwei Jahren habe dagegen keiner für möglich gehalten, dass Erwachsene undifferenzierte Stammzellen haben, die sich beispielsweise zu Lebergewebe entwickeln könnten, sagte Murken. "Mit solchen Stammzellen könnte es in einige Jahren gelingen, Gewebe zu züchten." Forscher haben bereits aus Stammzellen von Mäusegehirnen unter anderem Herz- und Lebergewebe gezüchtet. Aus Knochenmark wurden sogar Nervenzellen gebildet. Allerdings ist auch das Klonen von Embryozellen im Tierversuch ansatzweise erfolgreich: Australische Forscher hatten aus geklonten Embryozellen von Mäusen Nerven- und Muskelzellen dieser Tiere gewonnen.

Ob Stammzellen vom Embryo oder vom Erwachsenen: Zunächst muss die Frage geklärt werden, welche Signale eine Differenzierung in bestimmte Gewebe auslösen. Dies kann laut Murken mit Embryozellen ebenso geschehen wie mit älteren Stammzellen.

Die deutschen Forscher sollten nicht versuchen, entsprechende Arbeiten mit Embryonen zu machen, sagte Murken. "Ich halte es für wichtig, dass wir an der Auffassung festhalten, dem Embryo eine Menschenwürde zuzuerkennen." Daher sollte man auch keine embryonalen Zellen aus Laborkulturen importieren, was in Deutschland gesetzlich erlaubt ist. Diese ursprünglich aus Embryonen gewonnenen Zellen teilen sich unentwegt weiter.

Sämtliche Therapie-Verfahren sind jedoch noch Zukunftsmusik: Die Generation der heute schon Kranken werde vom therapeutischen Klonen nicht profitieren, sagte Montgomery. Bis Forscher aus geklonten embryonalen Stammzellen gezielt Gewebe entwickeln können und damit Menschen heilen können, vergehen nach Meinung von Prof. Wolfgang Holtz (Universität Göttingen) noch mindestens 20 bis 30 Jahre. Nach Ansicht des Neurowissenschaftler Oliver Brüstle von der Universität Bonn kann man erst in fünf Jahren überhaupt absehen, ob die Embryozellen der Laborkultur einmal medizinisch einsetzbar sind. Das möchte er prüfen und sie dazu aus den USA importieren.

Ob das therapeutische Klonen überhaupt jemals notwendig wird, sei strittig, sagte auch der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin, Wolfgang Würfel, in München. Die Forschung an embryonalen Stammzellen sei momentan zwar weiter, erklärt Würfel. Die Arbeiten an älteren Stammzellen könnten die an Embryozellen aber überholen. "Wenn diese Stammzellen von Erwachsenen in ein paar Jahren zur Therapie von Erkrankungen genutzt werden können, ist die Diskussion um embryonale Stammzellen und therapeutisches Klonen sowieso vom Tisch. Dann wird sich wohl die unspektakulärere Form durchsetzen."

dpa

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