Der Brexit trifft auch die Wissenschaft

Carlos Moedas, EU-Kommissar für Forschung, Wissenschaft und Innovation, auf dem EuroScience Open Forum 2016 in Manchester (Foto: Alexander Mäder)

Die britischen Forscher und ihre europäischen Partner sind verunsichert - und EU-Forschungskommissar Carlos Moedas hat keine beruhigende Nachricht für sie. Auf einer Konferenz in Manchester sagt er, dass sich nichts ändere, solange Großbritannien noch EU-Mitglied sei. Dafür fordert er aber eine größere Offenheit der Wissenschaft und mehr Beteiligung der Bürger.

Dürfen sich britische Forscher nach dem Brexit noch um EU-Mittel bewerben oder müssen sie europäische Teams gar verlassen? Im kommenden Jahr schreibt die EU in ihrem Programm "Horizon 2020" insgesamt 8,5 Milliarden Euro aus. Großbritannien ist nach Deutschland der zweitgrößte Profiteur der EU-Forschungsetats. Aber seit dem Referendum im Juli scheint alles offen zu sein. Die Sorgen der Forscher sind auf dem EuroScience Open Forum (kurz: ESOF), in dem es alle zwei Jahre um Wissenschaft und Gesellschaft geht, deutlich zu spüren. Unter den Teilnehmern findet sich vermutlich niemand, der für den Brexit wäre.

In diesem Jahr richtet Manchester die Tagung aus – eine gute Gelegenheit für erste Reaktionen auf das überraschende Votum. Der EU-Forschungskommissar Carlos Moedas versucht zunächst zu beruhigen: Solange Großbritannien noch EU-Mitglied sei, dürften sich britische Forscher an europäischen Ausschreibungen beteiligen, sagt er in Manchester. Ausgewählt werde nach Qualität, nicht nach Nationalität. Aber das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und es ist auch nicht die einzige Sorge. Wie wird es in zwei Jahren aussehen, wenn Großbritannien womöglich ausgetreten ist und man nicht mehr so leicht aus beruflichen Gründen nach Großbritannien ziehen oder von dort aufs europäische Festland wechseln kann? "Ich wünschte, ich könnte Ihnen alle Antworten geben", sagt Moedas.

Haben die Leute genug von Experten?

Auch der britische Forschungsminister Jo Johnson, der den Regierungswechsel im Amt überstanden hat, versichert: "Wir bleiben offen für Forscher aus allen EU-Staaten." Aber dann wird er trotzig: Es gebe mehr Forschungsverbünde als die der EU, sagt er. Großbritannien bleibe zum Beispiel Mitglied im Forschungszentrum CERN, das den Teilchenbeschleuniger LHC betreibt, und auch Mitglied der europäischen Raumfahrtagentur ESA. In Manchester sitzt die Verwaltungszentrale des neuen Teleskops SKA, das einmal das größte der Welt sein wird. Und seit einigen Tagen ist Großbritannien Mitglied der europäischen Spallationsquelle, einem Teilchenbeschleuniger, der in Schweden gebaut wird. Die Botschaft ist deutlich: London kommt auch ohne Brüssel zurecht.

In der Brexit-Debatte hatte der bisherige Justizminister Michael Gove Wissenschaftler schockiert, als er sagte, die Leute hätten genug von Experten. Es ist gut möglich, dass Carlos Moedas diese Aussage im Sinn hat, als er den ESOF-Teilnehmern sagt, sie würden Desinteresse oder gar Misstrauen ernten, wenn sie nicht stärker mit der Öffentlichkeit sprächen. Dazu passt eine neuere Umfrage der deutschen Agentur "Wissenschaft im Dialog" (WiD): 28 Prozent sagten zum Beispiel, sie würden den Aussagen von Klimaforschern misstrauen, und 31 Prozent waren unentschieden. Moedas sieht die Bürger im Recht, weil die Forschung oft an ihren Problemen vorbeigehe. Forscher könnten zum Beispiel gut erklären, wie Erneuerbare Energien den Klimawandel bremsen, sagt Moedas. Aber auch diejenigen, die ihre Heizkosten nicht aufbringen können, bräuchten Antworten aus der Wissenschaft.

Sollen die Bürger über Forschungsgelder entscheiden?

Der EU-Kommissar will die öffentliche Debatte fördern, indem er Forschung besser zugänglich macht. In Manchester kündigt Moedas an, künftig von allen Projekten des "Horizon 2020"-Programms zu verlangen, dass ihre Ergebnisse kostenlos im Netz publiziert werden statt in teuren Fachjournalen. Darauf entgegnet Mark Walport, der Wissenschaftsberater der britischen Regierung, später in einem eigenen Vortrag, dass das zu kurz greife: "Die offene Wissenschaft muss mehr sein, als unverständliche Fachartikel zu veröffentlichen."

Wie der Dialog mit der Öffentlichkeit gestaltet werden muss, blieb in Manchester offen. Auf einen Punkt hatten die deutschen Wissenschaftsakademien 2014 in einer Stellungnahme aufmerksam gemacht: Damals warnten sie, dass ein übertriebenes Verkaufen von Forschungsergebnissen der Wissenschaft schaden könne. Klar wurde in Manchester jedoch das politische Ziel, das Moedas verfolgt: Er wünscht sich informierte Bürger, die selbst über die Prioritäten der Forschungsförderung entscheiden. Damit hat er viele auf seiner Seite: 44 Prozent sagten in der WiD-Umfrage, dass vor allem die Bürger darüber entscheiden sollten, wofür Geld in der Forschung ausgegeben wird. Unter den Befragten ohne Abitur waren es sogar fast 50 Prozent.

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