Überall wissenschaftliche Experten

Freizeit-Sternengucker (Foto: Dima Lomachevsky/thinkstock)
Freizeit-Sternengucker (Foto: Dima Lomachevsky/thinkstock)

Während der Fußball-Weltmeisterschaft wimmelte es vor den Fernsehern und an Stammtischen nur so von Bundestrainern, die genau wussten, welche Spieler in welcher Aufstellung auf den Platz gehörten, damit Deutschland siegreich vom Feld geht. In den Tagen nach dem Fußball ist eine Debatte in Gang gekommen, ob wir es in der Wissenschaft nicht ebenso machen sollten – um auch dort Weltmeister zu werden. "Bürgerwissenschaft" heißt das Schlagwort. Doch über so manche Idee kann man nur den Kopf schütteln.

Das haben die Wissenschaftler nun davon, wenn sie sich um ein "public understanding of science" bemühen und mit dem Mann auf der Straße und der dazugehörigen Frau so sprechen, dass sie auch verstanden werden. Wissenschaftliche Einsichten also in ganz gewöhnlicher Sprache ausdrücken. Denn genau das legt den übereilten Schluss nahe, dass man das dafür nötige Wissen auch auf ganz gewöhnliche Weise erlangen kann, etwa mit dem gesunden Menschenverstand, dem fleißigen Sammeln von Pflanzenarten oder dem Verständnis eines Kräuterweibleins.

"Citizen Science" – ein Plädoyer für die Bürgerwissenschaft gibt es schon, erschienen 2014: als Kampfschrift des Bielefelder Wissenschaftstheoretikers Peter Finke, der "das unterschätzte Wissen der Laien" propagiert und verlangt, der Wissensgesellschaft ein "breites, verlässliches und demokratisches Fundament" zu geben.

Mehr Ergebnisse als Praxis

Abgesehen davon, dass das Prinzip der Demokratie seine Grenzen hat – so kann keine Familie darüber abstimmen, wer ihr biologischer Vater ist –, steckt das Problem darin, dass "public understanding of science" bislang immer mit Ergebnissen zu tun hatte, während die konkrete Ausübung der Wissenschaft ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist.

"In unserer Gesellschaft wird man kein Wissenschaftler ohne Praxis, und es braucht eine Menge Praxis." So schreibt der britische Sozialwissenschaftler Harry Collins in seinem dieses Jahr erschienenen Buch. Im Titel stellt er die Frage: "Are We All Scientific Experts Now?" Denn so wenig wie wir plötzlich alle zu Bundestrainern werden, nur weil Joachim Löw freundlich-harmlos in Interviews daherredet, so wenig werden wir alle zu wissenschaftlichen Experten.

Hinter dem scheinbar demokratiegerechten Traum einer Bürgerwissenschaft steckt vielmehr der uralte Traum des Marxisten: Es komme nicht darauf an, die Welt zu verstehen, sondern die Welt zu verändern. Ich bin da vollkommen anderer Ansicht. Es geht vor allem darum, die Welt zu verstehen. Wenn jemand ehrlich über sein mühsam erworbenes Wissen staunt, bekommt er ein Gespür dafür, was sich ändern lässt, um die Welt besser zu machen.

Der mühsame Weg zum Wissenschaftler

Natürlich können "ordinary people", wie Collins schreibt, wissenschaftliche Experten – oder auch Bundestrainer – werden. Dies aber nur durch spezielle Erfahrungen im täglichen Tun oder durch ausführliche Debatten mit den Fachleuten. "There are no short cuts." Es gibt keine Abkürzungen. Punkt.

Es kommt nicht darauf an, die Ansprüche an die Wissenschaft zu senken, sondern ihr die Position in der Gesellschaft zu geben, die ihr zusteht. Die angenehmen Bedingungen unserer Existenz verdanken wir den Menschen, die sich für eine forschende Tätigkeit entschieden haben und die dazugehörige Arbeit auf sich nehmen.

 

Ernst Peter Fischer

ist Physiker, Biologe und habilitierter Wissenschaftshistoriker. Er hat mehr als 50 Bücher geschrieben - neben Biographien und Firmengeschichten über Themen, die von Atomphysik bis zu Hirnforschung reichen. "Die andere Bildung" hat eine Auflage von mehr als 100.000 erreicht und ist in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. 2014 erscheint sein Buch "Die Verzauberung der Welt". Darin beschreibt Fischer, wie und warum naturwissenschaftliche Erklärungen die Geheimnisse der Natur nicht aufheben, sondern erst vertiefen.

 

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