"Mehr Mut zu Empfehlungen"

Mit 17.500 Mitarbeitern ist die Leibniz-Gemeinschaft eine der größten Forschungseinrichtungen in Deutschland. Dennoch ist sie vielen kein Begriff. Der neue Präsident Matthias Kleiner will das ändern.

 

 

 

Herr Kleiner, Leibniz hat Ihren Lebensweg geprägt. 1997 erhielten Sie den hochdotierten und in der Wissenschaft sehr angesehenen Leibniz-Preis. Seit dem Juli 2014 sind Sie Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Haben Sie denn schon die Grabstätte von Gottfried Wilhelm Leibniz in Hannover besucht?

Noch nicht. Da rühren Sie ein bisschen an mein schlechtes Gewissen. 2016 jährt sich der 300. Todestag des Universalgelehrten. Dieses Jahr werden wir zum Anlass nehmen, in vielfältiger Weise die Leistungen von Leibniz herauszustellen. Spätestens dann werde ich sein Grab besuchen, dessen Authentizität aber nicht zweifelsfrei ist.

In Ihrer Funktion spielen Sie sicher eine zentrale Rolle bei den Vorbereitungen
zu diesem Jubiläum. Verraten Sie uns die Höhepunkte?

Nein. Diese Spannung müssen Sie noch ertragen.

Wissen Sie, wie viele Leibniz-Preisträger in den Leibniz-Instituten arbeiten?

Einige, wir liefern Ihnen die Zahl nach. (Es sind 13.)

Nach so viel Zurückhaltung Ihrerseits kommen jetzt die Fragen, die Sie in jedem Fall beantworten können. Wie haben Sie sich auf das Präsidentenamt vorbereitet, für das Sie bereits im April 2013 nominiert worden sind?

Ich habe mit vielen Menschen innerhalb und außerhalb der Leibniz-Gemeinschaft gesprochen, um herauszufinden, wie sie diese wahrnehmen. Dabei habe ich auch gesehen, dass einige ein längst überholtes Bild von der Gemeinschaft haben. Das Leibniz-Netzwerk ist heute viel mehr als eine zufällig zusammengesetzte Interessengemeinschaft. Sicher, die disziplinäre Vielfalt ihrer Mitglieder ist groß. Darin liegt aber gerade das Alleinstellungsmerkmal, das die Leibniz-Gemeinschaft in die Lage versetzt, kooperativ und übergreifend wissenschaftlich zu arbeiten und zu forschen.

Gab es denn auch mal die Phase, in der Sie sich gesagt haben, ‚lieber nicht‘?

Ich habe eher rasch erkannt, dass mir meine Erfahrungen als früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, DFG, in der neuen Funktion hilfreich sein werden und dass sich mir mit der Leibniz-Gemeinschaft eine spannende weite Welt erschließen wird.

Was ist denn der Hauptunterschied zwischen der DFG und Leibniz?

In der Leibniz-Gemeinschaft betreiben 89 Institute, Museen und Infrastruktureinrichtungen Forschung. Die DFG dagegen fördert Forschung finanziell. Das ist der Unterschied. Ähnlich ist, dass beide nicht top down, sondern bottom up – also von der Basis her – organisiert sind. Auch die Nähe zu den Universitäten haben sie gemeinsam – bei uns in der engen Kooperation, in der DFG durch die Förderung, die zu etwa 85 Prozent dorthin geht.

Einige Institute, etwa das ifo Institut und dort vor allem Hans-Werner Sinn,
sind in der Bevölkerung bestens bekannt. Aber nur die wenigsten wissen, dass der richtige Name „ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V." lautet.

Ja, das Leibniz-ifo und auch das Leibniz-DIW, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung, gehören zu uns. Von den 89 Instituten führt etwa die Hälfte Leibniz im Namen, bei den anderen werden wir sukzessive die Zugehörigkeit deutlicher machen. Natürlich sind unsereInstitute für sich als herausragende Marken bekannt, und wir werden darauf achten, dass diese Marken von der Leibniz-Identität profitieren.

Die Max-Planck-Gesellschaft steht in der Öffentlichkeit für ausgezeichnete Grundlagenforschung, Fraunhofer brilliert durch europaweit herausragende angewandte Forschung. Für was steht Leibniz kurz und knapp?

Wir stehen für kooperative Wissenschaft. Wir stehen für die inspirierende Wechselwirkung von erkenntnisgetriebener Grundlagenforschung höchster Qualität und Anwendungsorientierung mit gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Relevanz. Unsere Institute haben eine langfristige Mission, die über die individuelle wissenschaftliche Perspektive hinausgeht. Wir widmen uns gesellschaftlich wichtigen Forschungsthemen wie Biodiversität, Nanosicherheit oder Bildungspotenziale – vor allem in den transdisziplinären Leibniz-Forschungsverbünden. Wir kooperieren mit den Universitäten vor allem in den thematisch angelegten Leibniz-WissenschaftsCampi. Und wir sind so gut wie jede Woche in den abendlichen Hauptnachrichten und so gut wie jeden Tag in den Zeitungen präsent, wenn es um Themen hoher gesellschaftlicher Relevanz geht. Die Leibniz-Politikberatung ist sehr gefragt.

Welchen Handlungsspielraum hat der Präsident Kleiner? Können Sie denn auf aktuelle gesellschaftliche Herausforde-rungen wie Ebola, die Flüchtlingsproblematik oder weltwirtschaftliche Entwicklungen wirklich rasch wissenschaftliche Antworten liefern?

Auf Tagesfragen kann die Wissenschaft in der Leibniz-Gemeinschaft mit Expertise aus ihrem Wissensfundus und mit verfügbaren Methodiken und Infrastrukturen reagieren. Dies kann der Leibniz-Präsident anregen und unterstützen – etwa zur Politikberatung. Das läuft bei uns auch schon sehr gut in der Unabhängigkeit der
Institute. Substanzielle, interdisziplinäre Forschung zu Themen, die über eine Reihe von Jahren gesellschaftlich relevant bleiben werden, braucht mehr Zeit, auch zur gemeinsamen Identifizierung, Entscheidung und Vorbereitung. Und wir werden unsere Agenda nicht alle zwei Jahre wechseln. Doch wir werden sie, etwa bei unseren Leibniz-Forschungsverbünden, alle paar Jahre mit Blick auf Qualität, Aktualität und Aktivität überprüfen. Das machen wir schon allein deshalb, um zu erkennen, ob ein Thema das Ende des Bogens erreicht hat oder ob es neu justiert werden muss.

Sind Sie auch in der Lage, Institute zu schließen, wenn das eine Evaluation
nahelegt?

Nein. Und das möchte ich auch nicht. Solche Entscheidung können nicht auf – gelegentlich ja auch vermeintlichen – Weisheiten eines Einzelnen beruhen, um das salopp zu sagen. Wir wissen doch alle, dass komplexe Systeme sich nicht erfolgreich top down und zentral steuern lassen, sondern dass man gut beraten ist, auf Dezentralität und Selbstorganisation zu setzen.

Und was geschieht, wenn die Selbststeuerung versagt?

Die Institute werden alle sieben Jahre von einer unabhängigen Kommission streng evaluiert, die ihre Qualität analysiert. Danach gibt der Senat der Leibniz-Gemeinschaft eine Empfehlung an die Wissenschaftspolitik ab, ob und wie ein Institut in der Bund-Länderfinanzierung weiter gefördert werden soll. In der Vergangenheit haben sich die politischen Entscheidungen weitestgehend an unsere Empfehlungen gehalten.

Welche Leibniz-Institute wurden seit 1995 geschlossen?

Seit 2001 ist der Senat der Leibniz-Gemeinschaft mit ihrer Evaluierung betraut und hat in fünf Fällen die Beendigung der gemeinsamen Förderung empfohlen. Das beweist, welch besonders strenges Evaluierungs-system bei uns herrscht.

In keiner anderen bundesweit agierenden Forschungseinrichtung gibt es – öffentlich ausgetragen – so unterschiedliche Auffassungen wie unter Leibniz-Chefs. ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, ein Ökonom, äußert seit Jahren vernichtende Kritik an CO2-Zertifikaten. Der Stellvertretende Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, auch Ökonom, erklärt in Ihrem Leibniz-Journal den europäischen Emissionshandel in gewissem Sinn für ,durchaus erfolgreich‘. Untergräbt eine solche Kontroverse das von Ihnen angestrebte Image der Leibniz-Gemeinschaft?

Für mich ist es wunderbar, dass wir eine solche Vielfalt an wissenschaftsbasierten Meinungen und Schlussfolgerungen innerhalb der Leibniz-Gemeinschaft haben.

Das mag für den Präsidenten und einen Wissenschaftler wunderbar sein. Aber die Bürgerinnen und Bürger begreifen eine solche Diskrepanz oftmals nicht. Wer sich von der Wissenschaft Handlungsempfehlungen erhofft, sieht sich im Stich gelassen.

Das Ganze hat verschiedene Dimensionen. Einmal die, dass es wissensbasierte Schlussfolgerungen gibt, die dennoch mit Unsicherheiten verbunden sind. Unterschiedliche Wissenschaftler können aufgrund derselben Fakten zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Und wir Wissenschaftler müssen mehr Mut haben, solche Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen auszusprechen, auch wenn wir nur zu 90 Prozent sicher sind. Wir müssen dann aber auch diese Unsicherheit transparent auf den Tisch legen.

Sie sind demnach der Meinung, dass Wissenschaftler in der Öffentlichkeit deutlicher werden sollten, als sie es gegenwärtig sind?

Die Zeiten des Elfenbeinturms, als wir Wissenschaftler uns etwas außerhalb der Gesellschaft fühlten und alles aus einer erhabenen Perspektive betrachteten, sind nun wirklich vorbei. Wenn Sie eine Bildungsrepublik verwirklichen wollen, wenn Sie eine Wirtschaft haben, die zu mindestens zwei Dritteln auf neuem Wissen aufbaut, wenn Sie Studienanfängerquoten um die 50 Prozent eines Geburtsjahrgangs haben, können sich die Wissenschaftler nicht mehr auf den Standpunkt eines neutralen Beobachters zurückziehen.

Doch Wissenschaftler sind nach wie vor in Talkshows eine Rarität. Warum ist das so, Herr Kleiner?

Talkshows sind so komponiert, dass es eher nicht auf die Fachkompetenz der Mitwirkenden ankommt, sondern auf bekannte Gesichter. Gesichter, die Unterhaltungswert haben und bei denen nicht abgeschaltet wird. Deshalb gibt es auch nur eine kleine Gruppe von Personen, die dort immer wieder auftauchen und zu ganz unterschiedlichen Themen reden – unabhängig davon, ob sie nun kompetent sind oder nicht.

Und das bieten Wissenschaftler nicht?

Sie sind meist unbekannt. Laut Medienanalysen führt das offenbar dazu, dass Zuschauer rascher ins nächste Programm zappen. Nur einige Wissenschaftler, oder Wissenschaftsjournalisten wie der von mir sehr geschätzte Ranga Yogeshwar, schaffen es, Prominenz mit Kompetenz zu verbinden.

Wer in der Wissenschaft Karriere machen will, muss vieles hintanstellen. Auch die Gründung einer Familie ist schwierig, weil junge Wissenschaftler an Universitäten häufig nur Zeitverträge – ähnlich Schauspielern oder Kellnern – erhalten. Kann und will der Präsident in seiner Gemeinschaft daran etwas ändern?

Die Leibniz-Gemeinschaft hat sehr früh Karriere-Leitlinien entwickelt. Wir bieten eine gute Balance zwischen der notwendigen Dynamik in der wissenschaftlichen Qualifizierungsphase und einem Maximum an Beschäftigungssicherheit in dieser Phase, die von den Leibniz-Einrichtungen spezifisch gestaltet und umgesetzt wird. Wer nach der Promotionsphase in der Wissenschaft bleiben will, bekommt zunehmend die Perspektive, sich für eine sogenannte Tenure-Track-Laufbahn zu qualifizieren, die in eine Dauerstelle mündet. Manches wäre allerdings noch zu verbessern, wenn der politische Wille da wäre. Ein Punkt wäre beispielsweise, flachere Hierarchien zu schaffen. Oder das traditionelle Denken in Stellen- und Haushaltsplänen in ein zukunftsfähiges Wirtschaften auch in der Wissenschaft umzumünzen.

Sie sind als Präsident auf vier Jahre gewählt. Welche Ziele wollen Sie bis
2018 erreicht haben?

Dass Fragen wie ,Was macht die Leibniz-Gemeinschaft?‘ und ,Was macht die Leibniz-Gemeinschaft aus?‘ weit weniger häufig als heute gestellt werden.

Sie bauen darauf, dass 2018 viele der gerade gestellten Fragen überflüssig sind?

Genau.

Im aktuellen Leibniz-Journal sprechen Sie sich in einer Kolumne dafür aus, die Titelhuberei – um es zugespitzt zu sagen – bei der Vorstellung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern drastisch zu reduzieren. Wie kam das denn bei Ihren Professorenkollegen an?

Bisher erhielt ich nur Zustimmung. Vielen Wissenschaftlern spricht meine Stellungnahme offenbar aus der Seele. Auf keinen Fall will ich die Titel abschaffen. Doch wir sollten uns mehr auf unsere Leistung konzentrieren und weniger darauf, welche Auszeichnungen wir wofür bekommen haben. Natürlich ist es für einen Doktoranden wichtig, offensiv mit seinem neuen Grad umzugehen und so zu dokumentieren: ,Ich habe etwas geleistet.‘. Ich persönlich empfinde es als gute akademische Gepflogenheit, Titel wegzulassen, wenn sie jeder hat. Und ich mag es, dass man sich bei internationalen Konferenzen im Englischen nur mit dem Vornamen anspricht.

Das Interview führte Wolfgang Hess. Es erschien in bild der wissenschaft 01/2015.

Vita

Matthias Kleiner ist seit Juli 2014 Präsident der Leibniz-Gemeinschaft (Etat: 1,5 Milliarden Euro, 17  500 Beschäftigte, darunter 8800 Wissenschaftler an 89 Instituten). Kleiner hat Maschinenbau an der Universität Dortmund studiert, wo er auch promovierte und 1991 habilitierte. Von 1994 bis 1998 entwickelte er den Lehrstuhl für Konstruktion und Fertigung an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. 1998 wurde er an die Universität Dortmund auf den Lehrstuhl Umformtechnik berufen. Dort leitete er ab 2004 das neu gegründete Institut für Umformtechnik und Leichtbau. Von 2007 bis 2012 war der gebürtige Recklinghausener (*1955) Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Im Frühjahr 2011 leitete er als Co-Vorsitzender die Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung.

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